Warum haben Kinder aus Einwandererfamilien schlechtere Bildungschancen? Mehrere Untersuchungen zeigen: Der Migrationshintergrund allein erklärt die Bildungs- und Chancenungleichheiten nicht. So zeigt eine Studie (2026) des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe, dass vor allem die soziale Lage dieser Gruppe die Leistungen und Bildungswege prägt. Kinder mit Migrationshintergrund haben im Durchschnitt eine niedrigere soziale Lage als andere Kinder. Bei vergleichbarer sozialer Lage haben Kinder mit Migrationshintergrund zwar etwas niedrigere Kompetenzen, werden jedoch von Lehrern weder schlechter bewertet noch seltener für das Gymnasium empfohlen als Kinder ohne Migrationshintergrund.
Auch der Integrationsbericht 2024 zeigt: Die soziale Lage ist entscheidend für den Bildungserfolg. Eingewanderte junge Menschen sind überproportional von Faktoren betroffen, die sich negativ auf den Bildungserfolg auswirken können – etwa Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern oder eine geringe formale Bildung der Eltern. Unter eingewanderten jungen Menschen trifft auf 68 Prozent mindestens einer dieser Faktoren zu. Unter Kindern und Jugendlichen ohne Einwanderungsgeschichte sind es 16 Prozent. Daran hat sich in den letzten Jahren wenig geändert.
Auch Daten des Statistischen Bundesamtes (2025) zeigen: Minderjährige mit Einwanderungsgeschichte waren 2024 viermal so häufig von Armut betroffen (31,9 Prozent) wie gleichaltrige Kinder ohne Einwanderungsgeschichte (7,7 Prozent).
Soziale Lage in Deutschland entscheidender für Schulerfolg als in anderen OECD-Ländern
Die PISA-Studie zeigt: In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischem Erfolg stärker ausgeprägt als in vielen anderen OECD-Staaten. Außerdem werden Soziale Unterschiede in Deutschland "weitervererbt": Junge Erwachsene schaffen es deutlich seltener, einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern zu erwerben, als in anderen Industriestaaten.
Eine weitere Rolle beim Bildungserfolg von Schüler*innen mit Migrationshintergrund spielt das Schulsystem, welches nur teilweise auf die Mehrsprachigkeit von Schüler*innen eingestellt ist. Auch Diskriminierungserfahrungen von Schülern können eine Rolle beim Schulerfolg spielen.
Wahrnehmung von Ungleichheit
24 Prozent der Schüler*innen mit Migrationsgeschichte, die kein Gymnasium besuchen, sind der Ansicht, auf einen höheren Schulzweig zu gehören. Bei Schüler*innen ohne Migrationsgeschichte liegt der Anteil bei etwa 10 Prozent. Dieses Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, kann Folgen auf die Lernmotivation haben. Das zeigt eine PerFair-Studie (2025), die die eigene Wahrnehmung von Ungleichheit und ungerechter Behandlung bei Schüler*innen untersucht.
Die Forscher vermuten, dass nicht Ungleichbehandlung durch Lehrkräfte der Hauptgrund dafür sei. Vielmehr könnten Schüler*innen mit Migrationsgeschichte die Voraussetzungen für das Gymnasium weniger gut einschätzen. Außerdem ist die Unzufriedenheit mit der Schulform generell höher an Hauptschulen und hier sind Schüler*innen mit Migrationsgeschichte häufiger vertreten. Auch die elterlichen Erwartungen könnten eine Rolle spielen, denn: Kinder von zugewanderten Eltern erleben einen höheren Erwartungsdruck ihrer Eltern, da Bildungsaufstieg hier eine größere Rolle spielt. Bleibt der Erfolg aus, erleben sie das eher als unfair.
Corona-Pandemie: Kinder mit Migrationshintergrund besonders von Schulschließungen getroffen
Eine OECD-Studie zeigt: Schulschließungen und Home-Schooling in der Corona-Pandemie wirkten sich negativ auf die Teilhabechancen von Kindern mit Einwanderungsgeschichte aus. Denn sie haben zu Hause seltener einen ruhigen Platz zum Lernen oder Zugang zu Computern. Ihre Eltern können sie weniger bei den Hausaufgaben unterstützen - etwa wegen Sprachbarrieren oder fehlender Zeit. Das kann langfristige Auswirkungen für ihre Bildungschancen haben.
Laut dem Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR 2025) zeigen sich die Folgen bereits: Die schulischen Kompetenzen von Schüler*innen mit Migrationshintergrund würden erheblich hinter den Fähigkeiten von Gleichaltrigen ohne Einwanderungshintergrund zurückbleiben. Dieser Abstand habe sich durch die Pandemie wieder vergrößert, nachdem er zuvor kleiner geworden war.
Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung kommt zum Ergebnis, dass sich Lockdowns, Distanzunterricht und fehlende soziale Kontakte stark auf die psychische Gesundheit und den Lernerfolg junger Menschen mit Migrationshintergrund ausgewirkt haben.