Der Anteil der deutschen Kommunen, die sich bei der Aufnahme von Geflüchteten im “Notfallmodus” sehen, hat sich 2025 im Vergleich zum Vorjahr halbiert. Das zeigt eine Befragung der Forschungsgruppe Migrationspolitik der Universität Hildesheim und des Mediendienst Integration unter rund 900 Kommunen. In vielen Bereichen bleibt die Situation dennoch herausfordernd. Bei einem Online-Pressegespräch sprachen die Autoren der Expertise mit Vertretern der kommunalen Spitzenverbände über die aktuelle Situation sowie über die strukturellen Probleme der Flüchtlingsaufnahme und -integration.
Boris Kühn: Forschungsgruppe Migrationspolitik der Universität Hildesheim, Co-Autor der Expertise “Nicht mehr am Limit”
"Die bedeutendste Entwicklung, die wir feststellen konnten, ist, dass sich der Anteil der Kommunen im Notfallmodus im Verhältnis zu Juni 2024 halbiert hat – von knapp 23 auf 11 Prozent. Diese ist eine positive Entwicklung. Wir müssen aber auch betonen, dass der Anteil der Kommunen, die sagen, die Lage sei herausfordernd, fast unverändert geblieben ist."
"Wir haben auch nach dem Stand der Belastung in verschiedenen Integrations-Bereichen gefragt – in Kitas, Schulen und verschiedenen Behörden. Während wir eine Entlastung in einigen Bereichen feststellen konnten (etwa in Kitas), sind Ausländerbehörden noch oft im Notfallmodus. Das könnte unter anderem daran liegen, dass diese Behörden in den vergangenen Jahren mit zahlreichen neuen Gesetzen und Aufgaben zu tun hatten – und zwar ohne, dass ihre Kapazitäten erweitert wurden."
Julian Schlicht: Koordinationsstelle Integrationsmanagement des Landkreis Tübingen, Co-Autor der Expertise “Nicht mehr am Limit”
“Im ersten Jahr seit der flächendeckenden Einführung der Bezahlkarte für Geflüchtete hat sich noch kein einheitliches Bild in Kommunen und Landkreisen ergeben. Während zum Beispiel fast alle Landkreise die Bezahlkarte schon nutzen, haben kreisfreie Städte sie mehrheitlich noch nicht eingeführt.”
"Auch bei der Frage, ob die Bezahlkarte für die Kommunen eher eine Be- oder Entlastung ist, ist das Bild nicht einheitlich: Etwa jede zehnte antwortende Kommune oder Landkreis sagt, dass die Bezahlkarte den Aufwand für die Verwaltung 'stark reduziert' hat. Ein ähnlicher Anteil der Befragten sagt hingegen, diese habe den Aufwand 'stark erhöht'".
Dr. Klaus Ritgen: Referent beim Deutschen Landkreistag in Berlin
"Die Ergebnisse der Befragung sind nicht überraschend – und decken sich mit dem, was die Landkreise uns berichten. Der Rückgang der Zahl der neuen Asylbewerber*innen hat den Kommunen und Landkreisen eine nötige Verschnaufpause ermöglicht."
"Wir sollten aber nicht nur auf die Entwicklung der Flüchtlingszahlen Monat für Monat schauen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kommunen und Landkreise seit 2015 für die Aufnahme und Integration von Millionen von Flüchtlingen zuständig waren. Es handelt sich überwiegend um Personen, die ohne klare Wirtschaftsperspektiven nach Deutschland gezogen sind. Sie benötigen deshalb deutlich mehr Unterstützung als andere Einwanderer-Gruppen wie etwa Erwerbsmigranten."
Finn-Christopher Brüning: Referatsleiter für Ausländerrecht, Flüchtlingspolitik und Kommunalrecht beim Deutschen Städte- und Gemeindebund
“Im Vergleich zu 2015 haben wir heute einen veränderten Wohnungsmarkt, in dem viele einkommensschwache Personen um wenige bezahlbare Wohnungen konkurrieren. Bei Geflüchteten haben wir es mit einer Auszugskrise zu tun. Das heißt: Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen und können deshalb aus Gemeinschaftsunterkünften nicht ausziehen. Es entstehen somit Engpässe bei der Aufnahme von Neuankömmlingen.”
“Auch wenn es eine Verbesserung der Situation gab, müssen wir feststellen, dass es nach wie vor Personalengpässe gibt – zum Beispiel in Schulen. Es fehlen Ressourcen, um neues Personal anzustellen. Gerade bei geflüchteten Schülerinnen und Schülern, die eine besondere Sprachförderung benötigen, sind diese Engpässe spürbar.”