In der Kriminalitäts-Berichterstattung wird die Herkunft von Tatverdächtigen vor allem thematisiert, wenn diese Ausländer*innen sind. Das zeigt eine Langzeit-Studie der Hochschule Macromedia in Hamburg. Die Tendenz hat zuletzt weiter zugenommen. Laut der aktuellen Ausgabe der Expertise des Journalismusprofessors Thomas Hestermann sind ausländische Tatverdächtige in Medienberichten, die die Herkunft nennen, deutlich überrepräsentiert.
Laut Pressekodex soll die Herkunft eines Tatverdächtigen genannt werden, wenn “ein begründetes öffentliches Interesse” besteht. Das hat der Presserat 2017 entschieden – zum Teil infolge der Debatte über die Kölner Silvesternacht 2015/2016. Bei der Vorstellung der Expertise beim Pressegespräch des Mediendienst Integration haben Expert*innen über mediale Debatten zu Migration und Kriminalität gesprochen.
Thomas Hestermann, Professor für Journalismus an der Hochschule Macromedia Hamburg
“2015 spielte die Nennung ausländischer Tatverdächtiger in den Medien fast keine Rolle. Ab 2023 ist sie drastisch gestiegen. Die Berichterstattung prägt die allgemeine Wahrnehmung von Gewalt und Tatverdächtigen. Wenn Medien überproportional oft die Herkunft ausländischer Tatverdächtiger nennen, entsteht in der Gesellschaft leicht der Eindruck, Ausländer seien insgesamt gefährlicher, auch wenn die Polizeistatistik ein anderes Bild zeigt."
"Ein weiteres Muster zeigt sich auch in Bezug auf spezifische Gruppen: Soweit die Herkunft genannt wird, stammen mehr als 70 Prozent der Tatverdächtigen laut Medienberichten aus muslimisch geprägten Ländern. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik ist der Anteil dieser Länder mit 15,8 Prozent deutlich geringer. Personen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern sind somit in den Medien mehr als vierfach überrepräsentiert."
Gina Rosa Wollinger, Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW
“Oft wird behauptet, über Migration in Verbindung mit Kriminalität zu sprechen sei ein Tabu. Ganz im Gegenteil, Migration wird grundsätzlich als Sicherheitsproblem dargestellt.”
“Medien berichten überwiegend über Delikte, die der Polizei bekannt werden. Die Kriminalstatistik erfasst daher nur die Fälle, die angezeigt oder im Zuge polizeilicher Kontrollen registriert wurden – das sogenannte Hellfeld. Nicht-deutsche Tatverdächtige werden in der ‘Polizeilichen Kriminalstatistik’ überproportional erfasst, da sie unter anderem häufiger angezeigt oder kontrolliert werden. Aus der Statistik wird nicht sichtbar, wie viele Tatverdächtige später tatsächlich verurteilt werden – und es erfolgt auch keine nachträgliche Korrektur."
"In Deutschland leben rund zwölf Millionen Ausländer*innen. 2024 wurden etwa 700.000 als Tatverdächtige registriert. Das bedeutet: 94 Prozent wurden polizeilich nicht auffällig. Die große Mehrheit begeht keine Straftaten – doch darüber wird kaum gesprochen. Aus kriminologischer Sicht spielen vielmehr andere Risikofaktoren eine Rolle, etwa Armut, Perspektivlosigkeit oder eigene Gewalterfahrungen."
Manfred Protze, langjähriger dpa-Redakteur und seit 2024 Sprecher des Deutschen Presserats
“Das Thema Herkunftnennung in der Kriminalitätsberichterstattung hat eine lange Geschichte. Schon in den 50er Jahren musste sich der Presserat mit dem Thema befassen – vor allem im Zusammenhang mit Straftaten von in Deutschland stationierten Soldaten. Seitdem gab es mehrere Versuche, Regeln zu schaffen, die eine transparente und vorurteilsfreie Berichterstattung ermöglichen.”
“Journalistinnen und Journalisten sind oftmals sehr verunsichert: Wenn sie die Herkunft eines Tatverdächtigen nennen, kann ihnen vorgeworfen werden, sie würden im Publikum herkunftsbasierte Vorurteile stärken. Wenn sie das nicht tun, wird ihnen vorgeworfen, sie würden Fälle von Ausländerkriminalität bewusst vertuschen.”
“Wir können versuchen, uns Regeln zu geben. Aber die heutige Medienwelt lässt sich nicht allein durch den Pressekodex regeln. Sehr oft kursieren Details über Tatverdächtige (unabhängig davon, ob diese von Belang oder gar wahrheitsgetreu sind) schon lange in sozialen Medien, bevor Journalistinnen und Journalisten ihre Berichte veröffentlichen können.”