Von Januar bis September 2025 zählte die Polizei 1.069 Straftaten gegen Geflüchtete. 115 mal waren Flüchtlingsunterkünfte das Ziel politisch motivierter Angriffe. Die Zahlen sind vorläufig.
2024 gab es 251 Angriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte. Seit 2022 steigt die Zahl der Straftaten gegen Asylunterkünfte. Im Jahr 2024 nahm sie um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Die absoluten Zahlen bleiben jedoch deutlich unter den Werten für 2015/16.
Die häufigsten Delikte sind jedes Jahr Sachbeschädigungen und Propagandadelikte wie etwa Hakenkreuz-Graffiti. Im Jahr 2024 gab es 16 Verletzte und acht Brandstiftungen. Die meisten Taten ordnen die Behörden jedes Jahr als politisch rechts motiviert ein.
Die meisten Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte werden nicht aufgeklärt
2024 haben die Behörden bei 72 Prozent der Delikte keine Tatverdächtigen ermittelt. Daran hat sich seit Jahren wenig geändert: 2015 konnte die Polizei in rund 73 Prozent der Fälle keine Verdächtigen feststellen (2016: 78 Prozent). Bei Angriffen auf Geflüchtete außerhalb der Unterkünfte wurden häufiger Tatverdächtige ermittelt, 2024 in knapp 70 Prozent der Fälle.
Gerichtlich werden Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte nur selten geahndet. Das zeigt eine Recherche von Südwestrundfunk und Bayerischem Rundfunk. Demnach haben die Behörden zwischen 2015 und 2018 insgesamt 2.558 politisch motivierte Übergriffe auf Asylunterkünfte registriert. In 206 Fällen kam es zu Verurteilungen. Die Aufklärungsquote liege bei unter zehn Prozent, so die Autor*Innen.
Die Juristin Jana Berberich kam in einer nicht-repräsentativen Studie zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie hat rechte Brandstiftungen von 2015 bis 2017 in Sachsen und Nordrhein-Westfalen untersucht. Der Großteil davon waren Angriffe auf Asylunterkünfte. In 88 Prozent der Fälle wurden die Verfahren eingestellt. In zwölf Prozent der Fälle wurde Anklage erhoben.
Wenn es zu einem Verfahren kam, so berücksichtigten die Gerichte die politischen Motive meist nicht. Bei sieben von zwölf verurteilten Täter*innen wurde die rassistische Motivation im Urteil nicht erwähnt. Nur in einem Fall verhängte ein Gericht aufgrund des rassistischen Motivs eine härtere Strafe.
Wer sind die Täter?
Es gibt wenig Forschung darüber, wer hinter den Straftaten gegen Asylunterkünfte steckt. In der Forschung zu rechtsextremen Anschlägen in den 1990ern ging man von jugendlichen Gruppentätern aus. Jüngere Studien deuten darauf hin, dass sich das Täterprofil in den 2010er Jahren gewandelt haben könnte. Eine Studie (2022) von Jana Berberich zu rechten Brandstiftungen von 2015 bis 2017 zeigte: Die Täter*innen waren meist Erwachsene und im Schnitt 29 Jahre alt. Die Mehrheit war vorbestraft, aber offenbar nicht in rechtsextremen Strukturen organisiert.
Für eine Studie zu Radikalisierung (2020) haben Forschende der Uni Bielefeld Interviews mit Personen geführt, die 2015/16 für Straftaten im Kontext von Flüchtlingsfeindlichkeit verurteilt wurden. Nur einige von ihnen waren rechtsextrem organisiert. Alle Täter waren rechtsextremer eingestellt als eine Vergleichsgruppe, hatten weniger Vertrauen in Demokratie, eine höhere Billigung von Gewalt und neigten stark dazu, sich selbst als Opfer zu fühlen.
Die Forschenden stellten fest: Die polarisierte Debatte über Geflüchtete in den Jahren 2015/16 habe diese Menschen erheblich beeinflusst. "Menschen fühlen sich vor allem dann berufen, solche Straftaten zu begehen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie im Sinne einer Mehrheit handeln", sagt Yann Rees, der Teil des Forschungsteams war. Viele der interviewten Täter fühlten sich durch flüchtlingsfeindliche Diskurse in Politik, Medien und Gesellschaft bestätigt und rechtfertigten damit ihre Taten.
In den 2020er Jahren häufen sich wieder Berichte über organisierte rechtsextreme Jugendgruppen. Darunter ist auch eine mutmaßliche Terrorzelle, die Anschläge auf Asylunterkünfte verübt und geplant haben soll.
Wo gibt es die meisten Straftaten gegen Flüchtlinge?
Eine Studie von 2019 zeigt: Straftaten gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte hängen auf lokaler Ebene mit Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Ausländeranteil und Wahlergebnissen der AfD zusammen. Je höher die Unterstützung für die AfD in einem Kreis ist, desto wahrscheinlicher sind dort rechte Straftaten gegen Flüchtlinge und Unterkünfte.
Für Ostdeutschland stellten die Forscher fest: In Kreisen mit einer hohen Arbeitslosenquote und einem hohen Ausländeranteil ist das Risiko für flüchtlingsfeindliche Straftaten besonders hoch. Auch in Westdeutschland steigt mit der Arbeitslosenquote das Risiko für solche Straftaten. Wo in Westdeutschland viele Ausländer*innen leben, sind flüchtlingsfeindliche Straftaten jedoch unwahrscheinlicher.
Absolut gesehen gab es im Jahr 2024 die meisten Straftaten gegen Asylunterkünfte in Nordrhein-Westfalen (58), gefolgt von Bayern (33) und Baden-Württemberg (22). Im Jahr 2015 kam es ebenfalls in NRW zu den meisten Angriffen auf Unterkünfte (243), gefolgt von Sachsen (126) und Niedersachsen (107).