Angriffe gegen Journalisten 20.06.2017

"Wir beobachten eine Radikalisierung"

Caroline Paeßens berät in Niedersachsen Journalisten, die von Angriffen und Anfeindungen betroffen sind. Im Interview mit dem MEDIENDIENST spricht sie darüber, welchen Gefahren Journalisten bei rechtsextremen und rechtspopulistischen Demonstrationen ausgesetzt sind. Und sie sagt, dass sich Medienschaffende kein "dickes Fell" gegen hasserfüllte Kommentare zulegen können.



Auf rechtspopulistischen Demonstrationen ist häufig der Vorwurf der "Lügenpresse" zu hören. Foto: dpa

MEDIENDIENST: Welche Journalisten wenden sich an die "Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt"?

Caroline Paeßens: Meist sind es freie Journalisten, die keine großen Redaktionen hinter sich haben – und damit kein Team, mit dem sie sich austauschen können. Wenn sie etwa über eine rechtsextreme oder rechtspopulistische Demonstration berichten möchten, schauen wir gemeinsam im Vorfeld: Wie ist die Gefährdungslage vor Ort? Was haben Journalisten zu befürchten? Es ist oft von Vorteil, wenn sie sich mit anderen zusammen tun, sich im Zweifelsfall nicht allzuweit von der Polizei entfernen, auch nicht zu weit wegparken, Anreise- und Abreiseprobleme im Blick behalten.

Und was tun Sie, wenn es auf Demonstrationen trotzdem zu Angriffen und Anfeindungen kommt?

Zuallererst bieten wir den betroffenen Journalisten einen Austausch an – damit sie wissen, dass sie nicht alleine sind. Zudem suchen wir das Gespräch mit Polizeibehörden, wenn Journalisten nicht optimal geschützt werden konnten. So können Fehler künftig vermieden werden. Es kommt auch vor, dass Journalisten auf den Demonstrationen abfotografiert werden und ihre Bilder im Internet landen – teilweise in Verbindung mit Gewaltaufrufen gegen sie. Wir bemühen uns dann, dass die Fotos schnell aus den sozialen Netzwerken verschwinden. Hier kooperieren wir mit jugendschutz.net, die wiederum auf Plattformen wie Facebook und Twitter zugehen.

CAROLINE PAEẞENS ist seit 2012 für die "Arbeitsstelle Rechts-extremismus und Gewalt" (ARUG) in Braunschweig tätig. Sie berät Betroffene zum Umgang mit "Hate Speech" und bietet Workshops und Schulungen zum Thema an, auch für Journalisten. Zudem ist sie für das Thema Rechtsextremismus zuständig.

Wie kooperativ sind Social-Media-Plattformen, wenn es darum geht, solche Fotos löschen zu lassen?

Wenn wir über Kooperationspartner wie jugendschutz.net gehen, dann geht das immer sehr schnell. Leider funktioniert das weniger gut, wenn man solche Fotos direkt bei den Plattformen meldet, dann dauert es wesentlich länger oder man bekommt die Aussage, dass es nicht gegen die Richtlinien verstoße.

Haben Sie den Eindruck, dass der Hass in den letzten Jahren zugenommen hat?

Definitiv. Wir beraten deutlich mehr Menschen als noch vor einigen Jahren. Sowohl Quantität als auch Qualität des Hasses sind gestiegen. Wir beobachten eine Radikalisierung.

In der rechtsextremistischen Szene oder auch darüber hinaus?

Sowohl als auch. Wir stellen fest, dass hasserfüllte Kommentare teilweise von Menschen kommen, die wir nicht auf dem Schirm hatten – der sprichwörtliche Nachbar von nebenan. Das können dann Menschen sein, die plötzlich massiv Hetze im Netz verbreiten.

Man hört häufig, Journalisten sollten sich ein "dickes Fell" zulegen. Was sagen Sie dazu?

"Dickes Fell" ist ein Schlagwort, das ich sehr ungern höre. Hass im Netz und offline hat einen Riesen-Effekt auf die Betroffenen, auf ihr Privatleben. Man kann sowas nicht abschütteln und sagen, jetzt sei alles prima. Das nicht ernst zu nehmen und zu sagen, "leg dir ein dickes Fell zu", wird der Sache nicht gerecht.

Interview: Mehmet Ata