In der gesamten Gesellschaft ist Antisemitismus weit verbreitet – das zeigen zahlreiche Studien . Ist er unter Muslim*innen und Menschen mit Migrationshintergrund besonders verbreitet? Die Studienlage zeigt keine eindeutige Antwort: Je nachdem, um welche Form des Antisemitismus es geht, gibt es teils stärkere, teils geringere antisemitische Einstellungen.
Antisemitismus unter Menschen mit Migrationshintergrund
Beim
klassischen Antisemitismus Der klassische Antisemitismus ist ein Vorurteil und eine Weltsicht, in welcher Juden*Jüdinnen bestimmte biologische, „rassische” oder kulturelle Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Stereotype verbinden sich häufig zu Verschwörungstheorien. Beispielhafte Aussagen sind etwa: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß."
finden manche Studien
höhere
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 30
Zustimmungswerte von Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund. Anderen Studien zufolge hat der Migrationshintergrund
keinen Einfluss
Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 62f.; Beyer et al. (2024): ” Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024”, S.38
auf diese Einstellungen. Einige Studien zeigen
verschiedene Ergebnisse
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 23 ff.; Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall? SVR-Studie, S. 31f.
je nach Herkunftsregion der Befragten.
Beim
Sekundären Antisemitismus Der sekundäre Antisemitismus ist eine Form der Judenfeindschaft, die vor allem im Kontext der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen sichtbar wird. Er kann sich etwa in Relativierung oder Leugnung des Holocaust, der Forderung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit oder in der rhetorischen Umkehr von Opfern und Tätern äußern.
haben verschiedene
Studien
Friedrich-Ebert-Stiftung (2012): „ Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland ”, S.111; Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 63 f.
festgestellt, dass Menschen ohne Migrationshintergrund häufiger sekundären Antisemitismus vertreten als Personen aus Einwandererfamilien. Einige
neuere Studien
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 32; Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 27 ff.
finden aber auch, dass Menschen aus Einwandererfamilien sekundärantisemitischen Aussagen ähnlich oft und teils stärker zustimmen, als Menschen ohne Migrationshintergrund.
Israelbezogenen Antisemitismus Kritik an Israel gilt als antisemitisch, wenn traditionelle Stereotype auf den Staat Israel übertragen werden oder die Politik Israels mit dem NS gleichgesetzt wird; wenn Juden weltweit für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden oder wenn an israelische Politik andere Standards als an andere Demokratien angelegt werden.
vertreten Menschen aus nicht-europäischen Herkunftsländern, vor allem mit türkischem oder arabischem Hintergrund, signifikant häufiger als Personen ohne Migrationshintergrund oder aus der EU.
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 33f.; Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 46
Antisemitismus unter Muslimen
Studien zeigen, dass Muslim*innen Aussagen des klassischen und israelbezogenen Antisemitismus überdurchschnittlich oft zustimmen. Beim sekundären Antisemitismus zeigen die meisten Studien geringere oder ähnliche Zustimmungswerte von Muslim*innen im Vergleich zu anderen religiösen oder nichtreligiösen Gruppen. Eine weitere Studie ergab höhere Werte.
Studien sind schwer vergleichbar
Die Forschungsergebnisse sind schwer vergleichbar, weil unterschiedliche Kategorien untersucht wurden: Mal sind es die Einstellungen von Ausländer*innen, mal von Menschen mit Migrationshintergrund, mal von Muslim*innen. Hinzu kommt: Hinter der Kategorie „Migrationshintergrund” verbergen sich unterschiedliche Herkunftsländer. Und: Migrant*innen aus mehrheitlich muslimischen Ländern sind nicht automatisch muslimisch – sie können auch christlich oder atheistisch sein. Zudem gibt es deutliche Unterschiede unter Muslim*innen, etwa zwischen Sunnit*innen, Schiit*innen und Alevit*innen. Allgemein über „Muslime” oder „Araber” zu sprechen, ist daher wenig aussagekräftig.
Öztürk, C. & G. Pickel (2022): „ Der Antisemitismus der Anderen : Für eine differenzierte Betrachtung antisemitischer Einstellungen unter Muslim:innen in Deutschland”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6(1), S. 216
Zudem fanden die Befragungen zu unterschiedlichen Zeiten statt. Studien, die nach dem 7. Oktober 2023 entstanden, müssen vor dem Hintergrund einer akuten Konfliktsituation betrachtet werden.
Klassischer Antisemitismus
Der klassische Antisemitismus ist ein Vorurteil und eine Weltsicht, in welcher Juden*Jüdinnen bestimmte biologische, „rassische” oder kulturelle Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Stereotype verbinden sich häufig zu Verschwörungstheorien. Beispielhafte Aussagen sind etwa: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß."
Menschen mit Migrationshintergrund
Mehrere Studien haben gezeigt, dass es auf spezifischere Kategorien als lediglich den „Migrationshintergrund” ankommt. So stellen insbesondere Staatsangehörigkeit und Generationszugehörigkeit wichtige Faktoren für antisemitische Einstellungen dar. Der klassische Antisemitismus ist am höchsten bei Personen mit Migrationshintergrund, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Angehörige der zweiten Einwander*innen-Generation stimmen klassischem Antisemitismus seltener zu als ihre Eltern.
Friedrich-Ebert-Stiftung (2012): „ Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland ”, S.111 und S. 116 f.; Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 41 f.; Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 25 f.
Einige Studien finden
höhere
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 30
Zustimmungswerte von Menschen mit Migrationshintergrund zu klassischen antisemitischen Aussagen im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund, andere sehen den Migrationshintergrund
nicht als relevanten Einflussfaktor
Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 62f.; Beyer et al. (2024): ” Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024”, S.38
, wieder andere finden nur
geringe Unterschiede
Friedrich-Ebert-Stiftung (2012): „ Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland ”, S.111; Friedrich-Ebert-Stiftung (2016): „ Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland ”, S. 68 f.
zwischen beiden Gruppen. Bei den Studien, die nach Herkunftsländern differenzieren, zeigen sich deutliche Unterschiede je nach Region und soziokulturellem Hintergrund:
-
Dezim 2025 : Menschen ohne Migrationshintergrund, mit osteuropäischem Migrationshintergrund und mit
afrikanischem Hintergrund
Eingeschlossen sind hier Personen, die selbst oder mindestens eines ihrer Eltern- oder Großelternteile aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen (West-, Ost-, Zentral- und Südliches Afrika). Personen mit nordafrikanischen Bezügen werden dagegen der Kategorie „Hintergrund aus einem muslimisch geprägten Land” zugeordnet, ohne dass damit ihre afrikanische Identität in Frage gestellt wird." DeZIM (2025), S.18
lehnen klassisch antisemitische Aussagen besonders deutlich ab. Auch Menschen mit
muslimisch geprägtem
„Diese Kategorie umfasst Personen, die selbst oder deren Eltern bzw. Großeltern in einem Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung geboren wurden. Die Zuordnung erfolgt unabhängig von individueller Religiosität oder Selbstidentifikation. Ziel ist es, sozialisationsrelevante kulturelle und gesellschaftliche Kontexte abzubilden, ohne eine einheitliche religiöse Identität zu unterstellen. Die Kategorie ist daher nicht gleichzusetzen mit „Muslim:innen„ und schließt sowohl religiöse als auch säkulare oder andersgläubige Personen ein.” DeZIM S.17
und
süd(ost)asiatischem Hintergrund
„Hierzu zählen Personen, die selbst oder mindestens ein Eltern- oder Großelternteil aus einem nicht mehrheitlich muslimisch geprägten Land in Süd-, Südost- oder Ostasien stammen. Personen aus Ländern wie Indonesien, Bangladesch oder Malaysia sind also nicht enthalten; sie werden der Kategorie „Hintergrund aus einem muslimisch geprägten Land” zugerechnet.” DeZIM (2025) S. 17f.
lehnen solche Aussagen mehrheitlich ab, allerdings in etwas geringerem Ausmaß.
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 23 ff.
-
SVR 2022 : Befragte mit Migrationshintergrund vertreten klassische antisemitische Aussagen insgesamt etwas häufiger als Befragte ohne Migrationshintergrund. Besonders deutliche Unterschiede nach Herkunftsregion finden sich für die verschwörungsideologische Aussage „Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss”: Während jede zehnte Person ohne MH der Aussage zustimmt, gilt dies für etwa ein Viertel der Menschen mit MH aus einem EU-Mitgliedsstaat, 40% der Befragten mit MH aus der „übrigen Welt” und jede*n Zweite*n mit türkischem Migrationshintergrund.
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall? SVR-Studie, S. 31f.
Muslim*innen
Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis: Muslim*innen weisen allgemein höhere Zustimmungswerte zu klassischem Antisemitismus auf als Nicht-Muslim*innen. So stimmten im Religionsmonitor 2023 der Bertelsmannstiftung 37 Prozent der Muslim*innen der Aussage „Juden haben zu viel Einfluss in Deutschland” zu. Unter Christ*innen waren es 17 Prozent, unter Buddhist*innen 31 Prozent und unter Hinduist*innen 37 Prozent.
Bertelsmann Stiftung (2023): " Religionsmonitor Kompakt: Antisemitismus, Rassismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt ", S. 5 ff.; weitere Studien: American Jewish Committee (2022): „ Antisemitismus in Deutschland – Eine Repräsentativbefragung ”, S. 19; Beyer et al. (2024): „ Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024”, S.31 ff.; Fischer, J. & P. Wetzels (2024): „Die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland: Befunde aktueller repräsentativer Befragungen zu Trends seit 2021 und den Einflüssen von Migrationshintergrund, Religionszugehörigkeit und Religiosität”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6: 1–34.
Sekundärer Antisemitismus
Der sekundäre Antisemitismus ist eine Form der Judenfeindschaft, die vor allem im Kontext der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen sichtbar wird. Er kann sich etwa in Relativierung oder Leugnung des Holocaust, der Forderung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit oder in der rhetorischen Umkehr von Opfern und Tätern äußern.
Menschen mit Migrationshintergrund
Die Studienlage zu Sekundärem Antisemitismus unter Menschen mit Migrationshintergrund ist widersprüchlich. Sekundärer Antisemitismus gilt traditionell als spezifisch deutsche Erscheinungsform , die auf Schuldabwehr und erinnerungskulturellen Konflikten im Zusammenhang mit den NS-Verbrechen basiert.
So argumentiert die Antisemitismusforscherin Dr. Sina Arnold 2023 in ihrer Expertise für den Mediendienst, dass diese Form des Antisemitismus für Deutsche mit Migrationshintergrund weniger relevant sei, und für Menschen ohne deutschen Pass umso weniger. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der Mitte-Studie 2012 und dem Berlin-Monitor 2019. Beide Studien messen bei Deutschen ohne Migrationshintergrund eine höhere Zustimmung zu sekundärantisemitischen Aussagen als bei Deutschen mit Migrationshintergrund bzw. Migrant*innen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.
Friedrich-Ebert-Stiftung (2012): „ Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland ”, S.111; Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 63 f.
Neuere Studien (DeZIM 2025, SVR 2022) finden jedoch je nach Herkunftsländern andere Werte im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund. In der DeZIM-Studie 2025 lehnten Personen ohne Migrationshintergrund die Aussage „Viele Juden versuchen, aus dem Leid im Holocaust heute ihren Vorteil zu ziehen." mehrheitlich ab (69 Prozent). Unter Personen mit
muslimisch geprägtem Hintergrund
„Diese Kategorie umfasst Personen, die selbst oder deren Eltern bzw. Großeltern in einem Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung geboren wurden. Die Zuordnung erfolgt unabhängig von individueller Religiosität oder Selbstidentifikation. Ziel ist es, sozialisationsrelevante kulturelle und gesellschaftliche Kontexte abzubilden, ohne eine einheitliche religiöse Identität zu unterstellen. Die Kategorie ist daher nicht gleichzusetzen mit „Muslim:innen„ und schließt sowohl religiöse als auch säkulare oder andersgläubige Personen ein.” DeZIM S.17
waren es nur 37 Prozent. Die Studie vom SVR 2022 hatte ebenfalls etwas höhere Zustimmungswerte zu der Aussage unter Menschen mit Migrationshintergründen gemessen.
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 32; Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 27 ff.
Die DeZIM-Studie 2025 zeigt zudem im Gegensatz zu bisherigen Ergebnissen eine stärkere Ablehnung sekundärantisemitischer Aussagen bei Personen mit deutschem Pass im Vergleich zu Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Die beschriebenen herkömmlichen Erklärungsmuster für sekundärem Antisemitismus reichen nicht aus, um diese Ergebnisse einzuordnen.
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 29f.
Muslim*innen
Auch bei Muslim*innen ist die Studienlage bezüglich sekundären Antisemitismus im Vergleich zu Nicht-Muslim*innen nicht eindeutig.
-
Eine repräsentative Befragung in NRW fand 2024 keine erhöhte Zustimmung zu sekundärem Antisemitismus unter Muslim*innen.
Beyer et al. (2024): „ Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024”, S.31 ff.
-
Die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2020 kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Die höchste Zustimmung zu sekundärantisemitischen Aussagen stellte die Studie bei Atheist*innen fest (34 Prozent, Muslime: 28 Prozent ).
Decker, O. & E. Brähler (2020): „ Autoritäre Dynamiken . Alte Ressentiments – neue Radikalität”, Die Leipziger Autoritarismus-Studie, S. 238
-
Eine Studie von 2022 verzeichnet hingegen eine mehrheitliche Zustimmung von Muslim*innen (54%) zu sekundär antisemitischen Aussagen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (34%).
American Jewish Committee (2022): „ Antisemitismus in Deutschland – Eine Repräsentativbefragung ”, S. 19; Im Gegensatz zu den meisten o.g. Studien handelt es sich dabei um eine Online-Panel-Befragung (geschichtete Zufallsauswahl , vgl. S. 53) und nicht um eine Telefon- oder Face-to-Face-Befragung. Diese Erhebungsart könnte die deutlich abweichenden Ergebnisse im Vergleich zu den restlichen Studien erklären.
Israelbezogener Antisemitismus
Kritik an Israel gilt als antisemitisch, wenn traditionelle Stereotype auf den Staat Israel übertragen werden oder die Politik Israels mit dem NS gleichgesetzt wird; wenn Juden weltweit für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden oder wenn an israelische Politik andere Standards als an andere Demokratien angelegt werden.
Menschen mit Migrationshintergrund
Ob Menschen israelbezogenen Antisemitismus vertreten, hängt von der Herkunftsregion ab. Bei Menschen mit Migrationshintergrund aus Ländern außerhalb der EU finden sich wesentlich höhere Zustimmungswerte als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Dies gilt insbesondere für türkische und arabische Migrationshintergründe.
Die DeZIM-Studie (2025) ergab : Deutsche ohne MH, Personen mit osteuropäischem Hintergrund sowie Personen mit
afrikanischem Hintergrund
Eingeschlossen sind hier Personen, die selbst oder mindestens eines ihrer Eltern- oder Großelternteile aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen (West-, Ost-, Zentral- und Südliches Afrika). Personen mit nordafrikanischen Bezügen werden dagegen der Kategorie „Hintergrund aus einem muslimisch geprägten Land” zugeordnet, ohne dass damit ihre afrikanische Identität in Frage gestellt wird." DeZIM (2025), S.18
lehnen Aussagen, die israelbezogenen Antisemitismus transportieren, mehrheitlich ab (ca. 70%). Bei den Befragten mit
muslimisch geprägtem Hintergrund
„Diese Kategorie umfasst Personen, die selbst oder deren Eltern bzw. Großeltern in einem Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung geboren wurden. Die Zuordnung erfolgt unabhängig von individueller Religiosität oder Selbstidentifikation. Ziel ist es, sozialisationsrelevante kulturelle und gesellschaftliche Kontexte abzubilden, ohne eine einheitliche religiöse Identität zu unterstellen. Die Kategorie ist daher nicht gleichzusetzen mit „Muslim:innen„ und schließt sowohl religiöse als auch säkulare oder andersgläubige Personen ein.” DeZIM S.17
und
süd(ost)asiatischem Hintergrund
„Hierzu zählen Personen, die selbst oder mindestens ein Eltern- oder Großelternteil aus einem nicht mehrheitlich muslimisch geprägten Land in Süd-, Südost- oder Ostasien stammen. Personen aus Ländern wie Indonesien, Bangladesch oder Malaysia sind also nicht enthalten; sie werden der Kategorie „Hintergrund aus einem muslimisch geprägten Land” zugerechnet.” DeZIM (2025) S. 17f.
lehnen circa die Hälfte solche Aussagen ab (46 % und 55 %).
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 44 f.
Weitere Differenzierungen ergaben:
Die Studie des SVR aus 2022 kam zu ähnlichen Ergebnissen: Hier stimmten etwa je ein Viertel der Befragten ohne Migrationshintergrund und der Befragten mit einem Migrationshintergrund aus der EU einer israelbezogenen antisemitischen Aussage zu. Unter den Befragten mit Migrationshintergrund aus der „übrigen Welt„ und (Spät-)aussiedler*innen waren es gut ein Drittel. Am höchsten war die Zustimmung der Personen mit türkischem Hintergrund (fast die Hälfte der Befragten).
Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 33f.
Muslim*innen
Unter Muslim*innen in Deutschland ist israelbezogener Antisemitismus allgemein stärker verbreitet als unter Nicht-Muslim*innen. Zu dem Ergebnis kommen unter anderem eine repräsentative Befragung in NRW 2024, der Religionsmonitor 2023 und die Autoritarismus Studie von 2020. Auch der Berlin-Monitor 2019 zeigt, dass die Religionszugehörigkeit als „Muslim*in„ einen Einfluss auf höhere Zustimmung zu israelbezogenen Antisemitismus hat.
Beyer et al. (2024): „ Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024”, S.31 ff.; Bertelsmann Stiftung (2023): " Religionsmonitor Kompakt: Antisemitismus, Rassismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt ", S. 5 ff.; Decker, O. & E. Brähler (2020): „ Autoritäre Dynamiken . Alte Ressentiments – neue Radikalität”, Die Leipziger Autoritarismus-Studie, S. 238; Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 65
Warum ist Antisemitismus unter Muslim:innen und Menschen mit muslimisch geprägtem Hintergrund teilweise stärker verbreitet?
Konservativ-autoritäre Einstellungen : Der Berlin-Monitor 2019 stellt fest, dass Muslim*innen, die antisemitische Ressentiments aufweisen, sich „hinsichtlich ihres Werte-Kanons und Einstellungspotentials von konservativen und autoritären Kreisen der [nicht-muslimischen] deutschen Bevölkerung nicht unterscheiden.„ Der Antisemitismus ist also weniger Auswirkung der Religion als von konservativ-autoritären Einstellungen.
Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 63 f.; Öztürk, C. & G. Pickel (2022): Der Antisemitismus der Anderen : Für eine differenzierte Betrachtung antisemitischer Einstellungen unter Muslim:innen in Deutschland, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6(1), S. 221
Religiosität und religiöse Orientierung : Die Studienlage zu diesem Aspekt ist widersprüchlich. Manche Studien weisen darauf hin, dass ein höherer Grad an Religiosität mit
höheren
American Jewish Committee (2022): „ Antisemitismus in Deutschland – Eine Repräsentativbefragung ”, S. 24; Fischer, J. & P. Wetzels (2024): „Die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland: Befunde aktueller repräsentativer Befragungen zu Trends seit 2021 und den Einflüssen von Migrationshintergrund, Religionszugehörigkeit und Religiosität”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6: 1–34; SVR (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” S. 38; DeZIM (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, S. 30 & S. 46; Beyer et al. (2024): „ Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024”, S.31 ff.
antisemitischen Einstellungen einhergeht. Anderen Studien zufolge spielt die
Stärke der Religiosität Zur Messung der Religiosität werden hier unterschiedliche Faktoren abgefragt (Häufigkeit der individuellen oder kollektiven Religionspraxis sowie Intensität des Glaubens und der Bedeutung der Religion im Alltag).
keine Rolle
Pickel et al. (2019): Der Berlin-Monitor 2019 : „Vernetzte Solidarität –Fragmentierte Demokratie”, S. 62; Haug et al. (2017): „ Asylsuchende in Bayern. Eine quantitative und qualitative Studie ”, Hanns-Seidel-Stiftung, S. 60
Relevanter als die Selbstbezeichnung als „(stark) religiös" scheint die jeweilige Auslegung der Religion zu sein: Insbesondere dogmatisch-fundamentalistische oder traditionell-konservative religiöse Einstellungen begünstigen eine Feindschaft gegenüber Juden.
Öztürk, C. & G. Pickel (2022): „ Der Antisemitismus der Anderen : Für eine differenzierte Betrachtung antisemitischer Einstellungen unter Muslim:innen in Deutschland”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6(1), S. 219-222; Öztürk, C. & G. Pickel (2024): „ Antisemitismus unter Mulim*innen : Sozialisation, religiöse Tradierung oder herkunftsübergreifendes Feindbild des islamischen Fundamentalismus”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik; Fischer, J. & P. Wetzels (2024): „Die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland: Befunde aktueller repräsentativer Befragungen zu Trends seit 2021 und den Einflüssen von Migrationshintergrund, Religionszugehörigkeit und Religiosität”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6: 1–34.
Regionale und nationale Diskurse : Es gibt Hinweise darauf, dass regionale bzw. nationale Diskurse einen stärkeren Einfluss auf negative Einstellungen gegenüber Juden haben als die Religion. In manchen Ländern – wie etwa Syrien – ist eine Identifikation mit der eigenen Nation in Abgrenzung zu Israel entstanden. Dieser arabische Nationalismus ist relevanter für antisemitische Vorurteile als die muslimische Religion – er prägt auch die Haltungen nichtreligiöser Muslim*innen oder anderer Religionsangehöriger. Auch persönliche Betroffenheit aufgrund des Nahostkonflikts kann Antisemitismus befördern. Diese Haltungen werden teilweise auch in Deutschland reproduziert.
Arnold, S. & M. Kiefer (2024:) "Muslimischer / arabischer / islamisierter / islamistischer Anti-
semitismus", in: Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft, 39–42.;
für einige Länderbeispiele: Sachverständigenrat für Integration und Migration (2022): „ Antimuslimische und antisemitische Einstellungen im Einwanderungsland – (k)ein Einzelfall?” SVR-Studie, S. 38 - 41; Arnold, S. & J. König (2019): „One Million Antisemites?” Attitudes toward Jews, the Holocaust, and Israel: An Anthropological Study of Refugees in Contemporary Germany , in: Antisemitism Studies, Vol. 3, No. 1, S. 4-45
Diskriminierungserfahrung : Mehrere Studien zeigen, dass Diskriminierungserfahrungen oft zu einem erhöhten Bedürfnis nach der Identifikation mit einer religiösen, nationalen oder ethnischen „Eigengruppe„ führen. Das kann wiederum zu einer stärkeren Abgrenzung von vermeintlichen „Fremdgruppen„, führen, darunter Juden*Jüdinnen. Dies gilt insbesondere bei Jugendlichen, die ihre eigenen Diskriminierungserfahrungen mit jenen von Palästinenser*innen und Muslim*innen weltweit verbinden.
Öztürk, C. & G. Pickel (2022): „ Der Antisemitismus der Anderen : Für eine differenzierte Betrachtung antisemitischer Einstellungen unter Muslim:innen in Deutschland”, in: Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und Politik 6(1); Kein signifikanter Zusammenhang findet sich hingegen bei Babka
von Gostomski, Christian (2021): „ Facetten antisemitischer Einstellungen ”, in: (In)Toleranz in der Einwanderungsgesellschaft – Einstellungen zu Migranten in Deutschland und Europa, S. 199–240
„Importierter Antisemitismus”
In medialen Debatten wird immer wieder von „importiertem" Antisemitismus gesprochen. Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsfroschung (DeZIM) zeigte 2025 in einer Studie : Je stärker Personen der „Importthese” zustimmen, desto eher befürworten sie im Durchschnitt selber antisemitische Aussagen - und weisen antimuslimische Ressentiments auf.
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): „ Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland ”, DeZIM Working Papers 10, S. 35 ff.