Fluchtrouten: Wie viele Flüchtlinge kommen über die Belarus-Route?

Seit 2021 versuchen vermehrt Migranten, mit Unterstützung der belarusischen Regierung über Belarus in die EU zu gelangen. Polen verstärkt die Kontrollen an der Grenze zu Belarus und setzt sogenannte Pushbacks ein.

Seit Mai 2021 versuchen vermehrt Migranten mit Unterstützung der belarusischen Regierung in die EU zu gelangen. In den ersten Monaten kamen die meisten zunächst über Litauen, ab August 2021 fast nur noch über Polen. 2026 versuchen wieder mehr Personen über Lettland und Litauen zu kommen, kaum noch nach Polen. Die aktuellen Zahlen: 

  • Polen: 2026 gab es bislang nur 335 versuchte Grenzübertritte von Belarus nach Polen (Stand 2. August). Im gesamten Jahr 2025 waren es rund 29.700. Polnische Grenzpolizei auf Anfrage des Mediendienstes am 11. August 2026

  • Lettland: Der lettische Grenzschutz zählte für 2026 bisher 9.609 irreguläre Grenzübertritte. 2025 waren es 12.046 (Stand 11. August).Lettische Grenzpolizei auf Anfrage des Mediendienstes am 11. August 2026

  • Litauen: 2026 gab es bis August 1.105 versuchte Grenzübertritte aus Belarus nach Litauen, im gesamten Jahr 2025 waren es 1.652 (Stand 10. August).  Litauische Grenzpolizei auf der Webseite sowie auf Anfrage des Mediendienstes am 10. August 2026

Einige Migranten reisen von oder über Polen weiter nach Deutschland, besonders viele von ihnen wurden von der Bundespolizei im Herbst 2021 und Sommer 2023 registriert.Hinweis: Diese Zahl ist nicht gleichbedeutend mit der tatsächlichen Anzahl der Personen, die über die Grenze kommen. Es handelt sich um die Zahl der Personen, die die Grenzpolizei aufhält. Der Belarus–Bezug wird bei der Personalienfeststellung ermittelt, etwa über entsprechende Dokumente. Danach war die Zahl rückläufig. 2026 wurden bisher (Stand 12. August 2026) 110 Grenzübertritte aus Polen mit Belarus-Bezug von der Bundespolizei festgestellt.Antwort der Bundespolizei auf Anfragen des Mediendienstes 

Humanitäre Krise, Pushbacks und Asylrechtsverschärfungen

Polen, Lettland und Litauen riefen 2021 den Notstand aus, verstärkten den Grenzschutz und verschärften das Asylrecht. Polen etwa errichtete eine Grenzmauer und eine Sperrzone um die Grenze zu Belarus. Die Länder verabschiedeten Gesetze, die Pushbacks erlaubten. 2025 setzte die polnische Regierung das Recht auf Asyl aus für Personen, die über die Grenze zu Belarus kommen. Polen: Pro Asyl (PM vom 25.9.2025): „Polen setzt Asylrecht aus”; Zeit (2021): „Parlament bewilligt Notstand an der Grenze zu Belarus”, ECRE (2021): „Poland: Parliament approves ‘Legalisation’ of Pushbacks”; Lettland: SZ (2021): „Lettland ruft Notstand an Grenze zu Belarus aus”; Amnesty International (PM vom 23.6.2023): „Lettland: Parlament stimmt für völkerrechtswidrige Pushbacks”, Litauen: SZ (2021): „Schleuser in Minsk”, DW (2021): „Litauen verschärft Asylgesetze”, DW (2023): „Litauen legalisiert Pushbacks”; Spiegel (2022): "Litauen stellt Zaun an Grenze zu Belarus fertig"

An der polnisch-belarusischen Grenze kam es zu zahlreichen Vorfällen von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Die IOM zählt 132 Todesfälle seit 2021 auf der Belarus-Route (Stand August 2026). Die zivilgesellschaftliche Organisation Grupa Granica in Polen zählt 107 Todesfälle an der polnisch-belarusischen Grenze sowie 13.266 teils gewaltsamen Pushbacks der polnischen Grenzpolizei (Stand: 31. Juli 2026). Auch an der litauischen und lettischen Grenze zu Belarus dokumentieren zivilgesellschaftliche Organisationen Pushbacks. IOM/Missing Migrants Projekt: Belarus-EU-border; We are monitoring / Grupa Granica, Interactive dashboards on Polish-Belarusian border; Human Rights Watch (10.12.2024) „Polen: Brutale Pushbacks an der Grenze zu Belarus”, Oxfam (2025): „Brutal Barriers: Pushbacks, violence and the violation of human rights on the Poand-Belarus Border”, Amnesty International (2022): „Latvia: Return home or never leave the woods” sowie „Lithuania: Forced out or locked up”

Die Pushbacks von Polen, Lettland und Litauen werden derzeit vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt. Urteile stehen noch aus. Mehr zur Rechtslage zu Pushbacks.EGMR (2025) „Grand Chamber hearings concerning Latvia, Lithuania and Poland”, zum Fall Lettland, Fall Litauen und Fall Polen

Die Staaten berufen sich bei den Einschränkungen des Asylrechts und den Pushbacks auf eine hybride Bedrohung von Russland und Belarus und die Instrumentalisierung von Migranten. Der Umgang mit solchen Krisensituationen wurde in der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems verankert. In der Krisenverordnung ist vorgesehen, dass bei höherer Gewalt oder einer Krisensituation etwa Fristen von Verfahren verlängert werden können. Auch im Krisenfall bleiben Pushbacks laut der Verordnung aber verbotenKohlenberger et al. (2025): "Instrumentalisierung von Migration: Europa braucht eine starke und rechtskonforme Antwort"; Hruschka (2026): „Das Gemeinsame Europäische Asylsystem: Die wichtigsten Neuerungen im Überblick”, S. 11.; EU-Verordnung 2024/1359

Litauen hat 2025 ein Verfahren gegen Belarus vor dem Internationalen Gerichtshof wegen staatlich gesteuerter Schleusung von Migranten eingeleitet. Mittlerweile haben sich Russland und Polen in das Verfahren mit eingeschaltet.Internationaler Gerichtshof: Alleged Smuggling of Migrants (Lithuania v. Belarus); vgl. Table.Media (2026): „IGH: Warum der Fall Litauen gegen Belarus zum Präzendezfall für politisch gesteuerte Schleusung von Migranten werden könnte”

Wie kommen die Migranten nach Belarus?

Wie Migranten aktuell nach Belarus kommen, ist schwer zu sagen, so die Organisation Grupa Granica auf Anfrage des Mediendienstes im August 2026. Sie geht davon aus, dass die Migranten zumindest aktuell nicht mehr mit der aktiven Unterstützung der belarusischen Regierung an die Grenze zu Polen gebracht werden. Im August 2026 wurde in Lettland ein erster unterirdischer Tunnel entdeckt, über den Migranten versuchen, die Grenze zu überqueren. Solche Tunnel wurden vorher bereits in Polen und Litauen gefunden. Grupa Granica, August 2026 auf Anfrage des Mediendienstes;Welt: Erster Migrantentunnel an Lettlands Grenze zu Belarus entdeckt, Artikel vom 11.8.2026

Es kommen aktuell sowohl Personen direkt über Belarus als auch zunächst über Russland, manche hatten zuvor ein Studenten- oder Touristen-Visum aus Russland oder Belarus. Zu Beginn 2021 brachte das belarusische Militär Migranten an die Grenze und hinderte sie an einer Wiedereinreise. Belarus förderte gezielt Einreisen ins Land, Reisebüros in verschiedenen Ländern bewarben vermeintliche touristische Angebote nach Belarus. Viele Flüge kamen über den Irak, die Türkei oder Dubai. Auch staatliche Reiseunternehmen aus Belarus bewarben solche Angebote. Im November 2021 kündigte die EU Sanktionen für Fluglinien an, die Migrant*innen nach Belarus einfliegen.Grupa Granica, August 2026, Juni 2023 sowie zuvor Juli 2022 auf Anfrage des Mediendienstes; vgl. Mediendienst (2022) 'Ein Jahr humanitäre Krise an der Grenze zu Belarus', August 2022.

2026 kamen etwa nach Litauen besonders viele Personen aus Afghanistan und Pakistan. Nach Polen 2025 besonders viele Personen aus Afghanistan, Pakistan, Sudan, Eritrea und Kamerun.Antwort der polnischen, lettischen und litauischen Grenzpolizeien auf Anfrage des Mediendienstes im August 2026 sowie Litauische Grenzpolizei auf der Webseite