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Geschichte 14.10.2015

Welche Migrationsbewegungen haben Deutschland geprägt?

In der Einwanderungsdebatte geht es derzeit vor allem um die steigenden Flüchtlingszahlen. Dabei gerät oft in Vergessenheit: Deutschland erlebt nicht zum ersten Mal eine erhöhte Migration. Schon lange wandern Menschen nach Deutschland ein. Andere verlassen das Land, um anderswo ihr Glück zu suchen. Der MEDIENDIENST gibt einen Überblick über die wichtigsten Migrationsbewegungen.

"Gastarbeiter" aus Italien am Bahnhof von Wolfsburg. Foto: picture alliance

In der deutschen Migrationsgeschichte gab es verschiedene Phasen und Migrationsgründe. Deutschland war selten nur Ein- oder Auswanderungsland allein. Im 19. Jahrhundert dominierte die Auswanderung nach Amerika, Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten hingegen viele Arbeitskräfte ein. Die beiden Weltkriege waren von Vertreibung, Deportationen und Zwangsarbeit geprägt. Der größte Teil der Einwanderer nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg kam

  • mittels Anwerbeabkommen als sogenannte "Gastarbeiter" (1955 bis 1973),
  • durch den Familiennachzug zu bereits in Deutschland lebenden Ausländern (vor allem zwischen 1973 und 1985, aber auch bis heute),
  • als Asylbewerber (Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre),
  • als Aussiedler und Spätaussiedler (vor allem zwischen 1987 und 1999),
  • als Bürger der Europäischen Union im Zuge der Freizügigkeit,
  • und seit wenigen Jahren wieder als Asylbewerber.

18. JAHRHUNDERT BIS 1914
Auswanderung nach Amerika
Die große Auswanderungswelle aus dem deutschsprachigen Raum über den Atlantik begann schon um 1700. Dabei gingen die Auswanderer vor allem in die heutigen Vereinigten Staaten, gefolgt von Kanada, Brasilien und Argentinien. Die Hochzeit der "transatlantischen Massenauswanderung" (Klaus J. Bade) war das 19. Jahrhundert: Von 1816 bis 1914 wanderten 5,5 Millionen Deutsche in die USA aus. Zum Ende des Jahrhunderts stellten die deutschen Einwanderer sogar die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in den USA. Der Hauptgrund für die Auswanderung war das schnelle Bevölkerungswachstum, das für Armut und Arbeitslosigkeit sorgte. Nur rund 20 Prozent der Auswanderer zogen zurück.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S.146 f.

1890er JAHRE BIS 1918
Arbeitskräfte für Industrie und Kriegswirtschaft
Die Hochphase der Industrialisierung begann im Deutschen Reich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Dadurch wurden verstärkt Arbeitskräfte gebraucht: Innerhalb weniger Jahre wurde das Deutsche Reich so vom Auswanderungsland zum weltweit zweitwichtigsten Einwanderungsland, gleich nach den USA. Die sogenannten "Ruhrpolen" wanderten aus dem damals preußischen Teil Polens in das westdeutsche Industriegebiet ein. Sie waren polnischsprachige preußische Staatsbürger, es handelte sich also um eine Binnenmigration. Aber auch Ostpreußen wurde zum Zielpunkt von Wanderarbeitern aus dem russischen Teil Polens sowie aus Italien und Österreich-Ungarn. Vor allem die ausländischen Polen stießen hier auf eine nationalistisch geprägte "Abwehrpolitik". 1914 gab es 1,2 Millionen ausländische Wanderarbeiter im Deutschen Reich. Im Ersten Weltkrieg wurden weiter ausländische Arbeiter angeworben. Hinzu kamen 1,5 Millionen Kriegsgefangene, die zur Arbeit in Deutschland gezwungen wurden.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S. 149-152.

ZWISCHENKRIEGSZEIT
Russische und jüdische Zuwanderer aus Osteuropa
Die kommunistische Revolution und der Bürgerkrieg im ehemaligen Russischen Zarenreich trieben etwa 1,5 Millionen Menschen in die Flucht, unter ihnen viele Adelige und Unternehmer. In den Jahren 1922/23 suchten 600.000 russische Flüchtlinge Schutz in der Weimarer Republik, mehr als die Hälfte davon in Berlin. Der Großteil wanderte weiter nach Paris oder New York. Grund war vor allem eine restriktive Integrationspolitik, die den Flüchtlingen aus Russland weder rechtliche noch wirtschaftliche Unterstützung bei der Integration bot. Noch schwieriger war die Situation für Juden, die vor gewaltätigen Ausschreitungen in Ost- und Südosteuropa geflohen waren. Dennoch ersuchten rund 70.000 von ihnen bis 1921 Asyl in der Weimarer Republik, bis die antisemitischen Pogrome auch hier immer offener und exzessiver wurden.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S.154 ff.

1933 BIS 1945
Judenverfolgung und Holocaust im NS-Regime
Mit der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler endete faktisch der Rechtsstaat der Weimarer Republik. Die nationalsozialistische Regierung erließ in den folgenden Jahren viele antisemitische Gesetze. Übergriffe auf Juden und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft wurden geduldet und bestärkt. Bis 1939 verließen 247.000 der etwa 500.000 Juden ihre deutsche Heimat. Doch immer mehr Staaten waren nicht länger bereit, jüdische Flüchtlinge einreisen zu lassen. Bei einer Konferenz 1938 im französischen Évian wollte der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Aufnahme global regeln. Die Vertreter der 32 anwesenden Staaten wollten Flüchtenden jedoch keinen Schutz gewähren – einzige Ausnahme: die Dominikanische Republik. Dennoch gelang es zwischen 1940 und 1945 nochmals 31.500 Juden zu fliehen, den meisten davon nach Palästina und in die USA. Zwischen 1940 und 1945 wurden 130.000 Juden aus dem Deutschen Reich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nur 34.000 überlebten das NS-Regime in Deutschland.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S.155 und Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier: Vertreibung und Vernichtung der Juden aus dem Deutschen Reich

2. WELTKRIEG UND KRIEGSENDE
Ausländische Zwangsarbeiter und Displaced Persons
Das NS-Regime konnte nur deshalb so lange Krieg führen, weil es auf ausländische Arbeitskräfte zurückgriff: 1944 arbeiteten rund acht Millionen Zwangsarbeiter und Kriegsgefange im Dritten Reich.  Nach Kriegsende nahmen die Alliierten zehn bis zwölf Millionen "Displaced Persons" (DP) in Obhut, hauptsächlich Überlebende der Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager. In den ersten Monaten wurden fünf Millionen in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Problematisch war die Rücksendung von Bürgern der Sowjetunion, da diese als vermeintliche Kollaborateure mit Verfolgung zu rechnen hatten. 1950 lebten noch etwa 150.000 DPs in Aufnahmelagern in Deutschland. Sie waren jedoch gesetzlich nicht mit deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen gleichgestellt und erhielten meist keine Entschädigung.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S. 155-157

1945 BIS HEUTE
Vertriebene und (Spät-)Aussiedler
Die Geschichte der Aussiedler beginnt im 18. Jahrhundert: Rund 740.000 Deutsche zogen zwischen 1680 und 1800 in den Donauraum, nach Siebenbürgen, nach Russland und bis ans Schwarze Meer. Auch während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurden eroberte oder besetzte Gebiete mit Deutschen besiedelt. Die ansässige Bevölkerung wurde deportiert oder vertrieben. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs flohen 14 Millionen Deutschstämmige in Richtung Westen. Hunderttausende überlebten Flucht, Vertreibung und Deportation nicht. 1950 zählte man 12,5 Millionen Vertriebene in der Bundesrepublik und der DDR. Ab 1953 regelte das Bundesvertriebenengesetz ihre Aufname als Aussiedler, denen die deutsche Staatsangehörigkeit zustand. Mit der beginnenden Politik der Öffnung und dem anschließenden Zusammenbruch der Sowjetunion stieg die Zahl der Aussiedler. Insgesamt kamen seit 1950 rund 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedler nach Deutschland, von denen 3,1 MillionenSiehe Artikel des MEDIENDIENSTES "Wie geht es den Aussiedlern in Deutschland?" vom 21.08.2014 weiterhin hier leben.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S.147, 153, 158. Zudem: Statistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus 2014, Fachserie 1 Reihe 2.2, S.7

1949 BIS 1989
Deutsch-deutsche Wanderung und "Flucht in den Westen"
Zwischen 1949 und 1961 überquerten 2,7 Millionen Menschen die deutsch-deutsche Grenze Richtung Westen. Um diese Binnenmigration zu stoppen, ließ die DDR-Regierung 1961 eine Mauer rund um die "Insel" West-Berlin bauen und schirmte die Grenzen zu Westdeutschland ab.  Bis zum Mauerfall gelang es dennoch rund 700.000 Menschen, die DDR zu verlassen, etwa indem sie nach Besuchen nicht zurückkehrten, als politische Häftlinge von der BRD freigekauft wurden oder erfolgreich die Ausreise beantragen konnten. Darüber hinaus gelang es 5.000 DDR-Bürgern, die Mauer zu überwinden, oft unterstützt von Fluchthelfern. Mindestens 138 Menschen kamen an der deutsch-deutschen Grenze ums Leben.QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S.159 und Chronik der Mauer, einem Projekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V., der Bundeszentrale für politische Bildung und des Deutschlandradios. 

1955 BIS ZUM MAUERFALL 1989
"Gastarbeiter" in der Bundesrepublik und der DDR
Mit dem massiven Ausbau des Außenhandels brauchte die Bundesrepublik mehr Arbeitskräfte, als zur Verfügung standen. Der Bau der Mauer stoppte die Migration aus der DDR. Ab 1955 schloss die BRD mit Italien, Spanien, der Türkei und anderen Ländern AnwerbeabkommenAnwerbeabkommen wurden mit Italien (1955), Spanien (1960), Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) abgeschlossen ab. Von den 14 Millionen sogenannten Gastarbeitern kehrten 11 Millionen nach dem Anwerbestopp 1973 in ihre Heimat zurück. Besonders Türken, Italiener und Jugoslawen blieben jedoch und holten Familienangehörige nach. Auch die DDR warb seit Mitte der 1960er Jahre ausländische Arbeiter an. 1989 lebten 93.600 Vertragsarbeiter in der DDR. Sie kamen hauptsächlich aus Vietnam (59.000) und Mosambik (15.000).QuelleBade, Klaus J. et al (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Auflage. 2010. S.159 ff. und "Dableiben oder ausreisen?", Publikation des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, S. 20, Forschungsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, "Migration in die DDR (und BRD)"

1990er JAHRE
Asylsuchende im wiedervereinigten Deutschland
Seit Ende der 1980er Jahre waren die Asylbewerberzahlen in der Bundesrepublik gestiegen. Nach dem Mauerfall erreichten sie einen Höchststand: 1992 beantragten 438.191 Menschen Asyl, fast drei Viertel von ihnen stammten aus Ost- und Südosteuropa. Dazu gehörten vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien sowie Roma aus Rumänien und Bulgarien. Es folgte eine stark polarisierte Asyldebatte. Sie wurde begleitet von gewaltsamen ÜbergriffenZusammenschnitte von Nachrichtensendungen in der ARD finden Sie hier., wie den Brandanschlägen in Rostock Lichtenhagen (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) auf Asylbewerberunterkünfte und Wohnhäuser von Einwanderern. Im Jahr 1993 wurde der sogenannte Asylkompromiss vom Parlament verabschiedet. Die Zahl der Asylbewerber ging stark zurück und sank bis 2008 auf einen Tiefstand von 28.000. Von den Flüchtlingen aus Jugoslawien blieben nur wenige dauerhaft in Deutschland: Grund dafür waren eine aktive Rückführungs- und strenge Abschiebungspolitik und die Möglichkeit, in andere Aufnahmeländer weiterzuwandern. So sank die Zahl der Bosnier in Deutschland von 350.000 (1996) auf rund 20.000 (2001) Personen.QuelleDossier der Bundeszentrale für politische Bildung "Flucht und Asyl seit 1990" und BAMF, Das Bundesamt in Zahlen 2014, S. 11

AKTUELL
EU-Freizügigkeit und steigende Flüchtlingszahlen
Seit 2006 steigt die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland wieder, die meisten von ihnen kommen aus Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Freizügigkeit ermöglicht es ihnen, ohne Visum nach Deutschland einzureisen und hier zu arbeiten. Dem aktuellen Migrationsbericht zufolge kamen 2013 rund 1,2 Millionen Menschen nach Deutschland, 708.000 von ihnen stammten aus EU-Staaten. Polen, Italien und Rumänien waren dabei die Hauptherkunftsländer. Die Wanderungsbilanz, also die Zahl der Zu- abzüglich der Fortzüge, lag allerdings nur bei 429.000 Zuzügen, denn auch die Abwanderung aus der Bundesrepublik steigt. Unter den Einwanderern aus Drittstaaten befanden sich vor allem Menschen, die für Ausbildung und Arbeit11,6 Prozent Studium, 1,6 Prozent Sprachkurs, Schulbesuch, 1,1 Prozent sonstige Ausbildung und 9,3 Prozent Erwerbstätigkeit laut Migrationsbericht 2013, S. 30 (24 Prozent), im Rahmen des Familiennachzugs (15 Prozent) oder aus humanitären Gründen4,1 Prozent humanitäre Gründe, 19 Prozent Aufenthaltsgestattung und 5,5 Prozent Duldung laut Migrationsbericht 2013, S. 30 (29 Prozent) nach Deutschland kamen. Nachdem die Zahl der Asylbewerber 2014 bei 220.000 lag, rechnet das Innenministerium für 2015 mit rund 800.000 Asylsuchenden. Es kursieren auch weitaus höhere Prognosen von einer Million bis zu 1,5 Millionen. Die Zahlen wurden bisher jedoch nicht offiziell bestätigt.QuelleMigrationsbericht 2013, BAMF und BAMF, Das Bundesamt in Zahlen 2014, S. 11

Von Teresa Garschagen und Jenny Lindner

 


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