Campus Rütli 07.07.2014

Von der "Problemschule" zum Vorzeigeprojekt

Nach dem "Brandbrief" von 2006 wurde die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln zum Symbol für eine gescheiterte Bildungspolitik. Mittlerweile gehört sie zum "Quadratkilometer Bildung", einem europaweit anerkannten Modellprojekt. Dieses Jahr haben jetzt die ersten Schüler der neuen Gemeinschaftsschule ihr Abitur gemacht. Auf einer Tour des Mediendienstes konnten Journalisten vor Ort erfahren, welches Konzept hinter diesem Erfolg steckt.



Abiturientinnen der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli. Für mehr Fotos auf das Bild klicken. Fotos: Thomas Lobenwein

Vor acht Jahren machten Lehrer in einem "Brandbrief" darauf aufmerksam, dass die Situation an der damaligen Rütli-Schule für sie nicht mehr tragbar sei und forderten die Abschaffung der Hauptschule als Schulform. Als der Brief an die Öffentlichkeit kam, wurde die Schule zwei Wochen lang von Journalisten belagert und löste eine bundesweite Debatte über das Schulsystem und sogenannte Brennpunktschulen aus.

Obwohl er damals erst in der dritten Klasse war, kann sich Mustafa sehr gut an diese Zeit erinnern. Er wurde mehrmals interviewt. Immer wieder hieß es: "Wie kannst du nur hier zur Schule gehen?" Für die Journalisten war Mustafa eines der hoffnungslosen "Gewalt-Kids". "Ich versuchte, ihnen zu erklären, dass es bei uns auch Schüler gibt, die sich Mühe geben und etwas erreichen wollen", sagt er. "Doch die meisten wollten gar nicht zuhören."

Mustafa ist jetzt 17 und arbeitet an seinem Fachabitur. Später will er eine Ausbildung als Industriekaufmann absolvieren. Das erzählt er einer Gruppe von Reportern bei einer Medien-Tour, die der Mediendienst Integration gemeinsam mit dem "Campus Rütli" und dem Projekt "Ein Quadratkilometer Bildung" organisiert hat. Der Anlass: Nach dem "Brandbrief" von 2006 haben jetzt die ersten Schüler ihr Abitur in der Tasche.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Von 23 Kandidaten bestanden 18 das Abitur, fünf erzielten die Fachschulreife. Der Abitur-Notendurchschnitt liegt bei 2,8 (für ganz Neukölln bei 2,6). "Ich finde, wir waren gut", sagt Cordula Heckmann, die 2001 als Lehrerin an die Rütli-Schule kam und 2009 die Leitung der inzwischen drei Schulen umfassenden Gemeinschaftsschule übernahm.

"Man braucht eine Vision"

2006 verließ jeder fünfte Schüler die Schule ohne Abschluss, das entspricht 20 Prozent. Jetzt liegt dieser Anteil nur noch bei fünf bis sieben Prozent, schätzt Heckmann. Dabei hat sich an der Zusammensetzung der Schülerschaft wenig verändert: In der Oberstufe haben 84 Prozent eine andere Muttersprache als Deutsch. 78 Prozent aller Schüler sind lernmittelbefreit. Was also hat sich in den letzten acht Jahren verändert? "Eine Schule braucht zunächst eine Vision. Wenn man eine klare Vision hat, weiß man, wohin man will und kann dabei die Gelegenheiten nutzen, die sich jeweils ergeben", sagt die Schulleiterin.

Die Gelegenheit ergab sich in diesem Fall aus der Zusammenarbeit mit dem Neuköllner Quartiersmanagement. Dort gab es schon vor Bekanntwerden des "Brandbriefs" Pläne, die Schule neu zu gestalten. Der Brief beschleunigte also einen Prozess, der bereits in Gang war. So fusionierte die Rütli-Hauptschule 2008 – zwei Jahre vor der großen Schulreform des Landes Berlin – mit der Heinrich-Heine-Realschule zur Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli. Im September 2009 kam noch die Franz-Schubert-Grundschule dazu.

"Die Fusion war für uns sehr wichtig, denn seitdem können die Schüler bei uns alle Abschlüsse machen. Darüber hinaus sind sie 13 Jahre lang an einem gemeinsamen Lernprozess beteiligt. Dadurch entwickeln sie eine enge Beziehung zueinander sowie zum Lehrpersonal", so die Schulleiterin. Zum Campus gehören darüber hinaus zwei Kindertagesstätten, ein Jugendclub, eine Musikschule, Sportplätze und viele weitere Einrichtungen.

Kiez als "Bildungsverbund"

Ein entscheidendes Element für den Erfolg des Rütli-Modells ist auch der ständige Austausch zwischen den verschiedenen Beteiligten. In ihrem "Brandbrief" beklagten die Lehrer, dass sie wenig Unterstützung von den Eltern bekämen. Jetzt sind Schüler, Eltern und Lehrpersonal zusammen an der Gestaltung des Schulalltags beteiligt. Das geschieht mithilfe von Klassenräten, einer Elterninitiative und einer "pädagogischen Werkstatt". Für Menschen, die wenig oder kein Deutsch sprechen, gibt es arabisch- und türkischsprachige Sozialpädagogen. Bei Krisensituationen schalten sich Streitschlichter ein.

Die Austauschmöglichkeiten reichen aber über die Schule hinaus: Durch die Unterstützung der Freudenberg Stiftung ist die Gemeinschaftsschule seit sieben Jahren Teil des Programms "Ein Quadratkilometer Bildung", das das gesamte Stadtviertel in einen "Bildungsverbund" einschließen will. "Nicht umsonst sagt man ja: Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf", so Heckmann.

Entscheidend: das Engagement der Lehrer

Natürlich ist das Ganze mit erheblichen Kosten verbunden. 32 Millionen Euro wird das gesamte Campus-Projekt, das mehrere Neubauten umfasst, am Ende kosten. Ein Großteil davon kommt aus den Senats-Kassen. Einen weiteren Teil steuert das Bezirksamt Neukölln bei. Hinzu kommen Mittel von privaten Stiftungen wie der Freudenberg Stiftung und der Stiftung Zukunft Berlin.

So steht der Campus-Rütli im Ruf, viel Geld zu haben, weshalb der Erfolg nicht verwunderlich sei. Die Förderung sei jedoch nur eines von vielen wichtigen Elementen, so die Schulleiterin, zumal erst ein geringer Teil der Mittel geflossen ist. "Ohne das Engagement der Lehrer wäre all dies nicht zustande gekommen." Denn für sie bedeute das ambitionierte pädagogische Konzept wesentlich mehr Arbeit: Planungssitzungen, Fortbildungen, Workshops. "Als wir vor acht Jahren beschlossen haben, einen neuen Weg einzuschlagen, wurden die Lehrer gefragt: Wollt ihr bleiben oder wollt ihr gehen? Die meisten entschieden sich dafür, hier zu bleiben", so Heckmann.

Lehrer, die sich vor acht Jahren machtlos gegenüber der Gewalteskalation in der Rütli-Schule fühlten, gehören jetzt zu den engagiertesten Verfechtern des neuen Modells. Andere kommen extra an die Gemeinschaftsschule, weil sie beim Projekt mitwirken wollen. Ihre Bemühungen haben sich ganz offensichtlich gelohnt: Stolz und eloquent sprechen Schüler und Abiturienten bei der Medien-Tour mit den Journalisten über ihre Wünsche und Ziele. "Unsere größte Errungenschaft ist es, diesen jungen Menschen eine Perspektive für die Zukunft anbieten zu können", sagt Heckmann. "Denn wer keine Perspektive hat, dem bleibt nur Frust."

Von Fabio Ghelli