Afrodeutsche und Rassismus 02.02.2018

Viele Debatten, aber kaum Verbesserungen

In der Kultur, im Sport und in der Wirtschaft nehmen Afrodeutsche heutzutage wichtige Positionen ein. Im Alltag erleben sie dennoch Vorurteile wegen ihrer Hautfarbe. Wie gehen Afrodeutsche damit um? Und wie erleben sie Debatten über Rassismus? Auf einer Medien-Tour des MEDIENDIENST INTEGRATION in Hamburg konnten sich Journalisten ein Bild der aktuellen Lage machen und mit Experten ins Gespräch kommen.



Sylvaina Gerlich vom Integrations-Center IMIC auf der Medien-Tour in Hamburg. Foto: Lobenwein/MDI

Das Jahr 2018 war noch jung, da sorgte eine Twitter-Botschaft vom Konto eines AfD-Bundestagsabgeordneten für Empörung. Darin wurde der Künstler Noah Becker, Sohn des Tennisspielers Boris Becker, rassistisch verunglimpft. Kurz darauf geriet das Modeunternehmen "H&M" in die Schlagzeilen. In seiner Werbung zeigte es einen schwarzen Jungen in einem Kapuzen-Sweatshirt mit dem Aufdruck "coolster Affe im Dschungel". Das brachte dem schwedischen Moderiesen viel Ärger ein und zeigte: Das Thema Rassismus ist nach wie vor virulent.

"Über offenen Rassismus wird heute mehr diskutiert als früher, was aber fehlt ist die Bereitschaft, Strukturen zu verändern, die zu Ausgrenzung führen", sagt die Menschenrechtsaktivistin Elisabeth Kaneza auf der Medien-Tour "Afrodeutsche – zwischen Aufstieg und Rassismus" in Hamburg. Kaneza ist Menschenrechtsaktivistin und arbeitet mit dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) zusammen. Die Diskriminierung schwarzer Menschen sei in Deutschland weit verbreitet und strukturell verankert. Das hätten UN-Experten 2017 in einem Bericht festgestellt. Rund 740.000 Menschen mit "afrikanischer Herkunft" zählt das Statistische Bundesamt inzwischen, Tendenz steigend. Und dennoch gebe es zum Beispiel immer noch kaum schwarze Richter und nur sehr wenige schwarze Polizisten, sagt Kaneza. Probleme gäbe es aber auch in anderen Bereichen - etwa in den Bildungseinrichtungen.

Nachteile in der Schule

Bislang existieren kaum Zahlen dazu, wie weit verbreitet die Diskriminierung von afrodeutschen Schülern in Deutschland ist. Bei den zuständigen Beschwerdestellen nähme die Zahl der Anfragen in diesem Bereich aber zu, sagt Saraya Gomis. Das zeige, dass offenbar ein großer Bedarf bestehe. Gomis ist Antidiskriminerungsbeauftragte für Schulen der Stadt Berlin. Sie soll Schulen beraten und überprüfen, wie mit Beschwerden umgegangen wird. Berlin sei damit Vorreiter. In Hamburg sei aber Ähnliches geplant.

"Ich habe in meiner Arbeit erlebt, dass zum Beispiel Schwarze Jugendliche auf dem Weg zur Schule von der Polizei kontrolliert wurden", so Gomis weiter. "Und wenn sie dann deswegen zu spät zum Unterricht kamen, machte der Lehrer auch noch eine rassistische Bemerkung – in dem Sinne, dass in der Schule ja nicht die afrikanische Zeit gelte." Das sei nur ein Beispiel für eine Vielzahl von Situationen, in denen Rassismus gegen schwarze Schüler sichtbar werde, ohne dass dabei gleich eine rassistische Ideologie dahinter stehen müsse. Sie versuche in solchen Fällen, das Gespräch mit der Schulleitung und der jeweiligen Lehrkraft zu suchen.

Häufige Kontrollen durch die Polizei

Dass sie häufiger von der Polizei kontrolliert werden, das kritisieren schwarze Menschen in Deutschland schon seit Langem. Über die als "Racial Profiling" bekannte Praxis gab es schon mehrfach Debatten. Im Jahr 2013 wurde der Heilpraktiker Dike Uchegbu im Bochumer Hauptbahnhof von der Polizei kontrolliert. "Eigentlich hätte den Beamten nach einem kurzen Gespräch klar sein müssen, dass ich kein Flüchtling sein kann, der erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen ist. Allein schon, weil ich akzentfrei Deutsch spreche." Trotzdem blieben sie bei ihrem Verdacht und nahmen ihn mit auf die Wache, um seine Personalien festzustellen.

Seitdem klagt Uchegbu gegen die Beamten wegen "Racial Profilings". Das Verwaltungsgericht Köln wies seine Klage zwar 2016 zurück. Uchegbu ging aber in Berufung. Das Verfahren liegt zurzeit beim Oberverwaltungsgericht Münster. "Es gibt zwar Fälle, in denen erfolgreich gegen Racial Profiling geklagt wurde. Aber eine Grundsatzentscheidung fehlt bislang", kritisiert Uchegbu.

Klischees in den Medien

In Politik und Kultur, im Sport und auch in der Wirtschaft haben afrodeutsche Menschen inzwischen erfolgreich Karriere gemacht. In den Medien würden sie aber häufig immer noch klischeehaft dargestellt, sagt Jana Pareigis, Journalistin und Moderatorin des ZDF-Morgenmagazins. "Das liegt auch daran, dass in zahlreichen Redaktionen nach wie vor kaum Journalisten mit sogenanntem Migrationshintergrund arbeiten. Deutschland hinkt da Jahre hinterher, im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder den USA. Da hat die Vielfalt in Redaktionen eine andere Selbstverständlichkeit." Obwohl etwa zwanzig Prozent der Menschen in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund hätten, seien es unter den Journalisten nur etwa zwei Prozent, so Pareigis.

Auch im Kino sei die klischeehafte Darstellung ein Problem, sagt der Schauspieler Tyron Ricketts: "In vielen meiner Rollen spiele ich entweder jemanden, der geringer gebildet oder der als Ausländer erkennbar ist." Nur selten bekäme er Rollen angeboten, in denen seine Hautfarbe völlig nebensächlich sei. Schon weiter seien da US-amerikanische Medienunternehmen, auch aufgrund kommerzieller Interessen: "Wer eine Fernsehserie für den internationalen Markt produzieren will, muss auf Vielfalt bei den Schauspielern achten. Dann ist es ganz normal, dass einer der Schauspieler schwarz ist."

Der Aufstieg des Rechtspopulismus hat Folgen

Der Aufstieg des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren hat für Afrodeutsche spürbare Folgen. "Wir diskutieren wieder Themen, die wir eigentlich schon seit den Neunziger Jahren hinter uns gelassen hatten", so die Moderatorin Pareigis. Zum Beispiel werde die Frage, wie eine deutsche Journalistin auszusehen habe, wieder neu gestellt. Der Schauspieler Ricketts kann solchen Debatten aber auch Positives abgewinnen. Inzwischen sei jeder gezwungen, zum Thema Rassismus Position zu beziehen. "Früher habe ich oft gehört: Rassismus – gibt es das überhaupt noch? Aber diese Zeiten sind erst einmal vorbei." Das Problem werde jetzt immerhin als solches erkannt.

Von Carsten Janke