Judentum

Die jüdische Minderheit in Deutschland ist vielfältig: Sowohl ethnisch als auch kulturell und religiös. Nach der Schoa lebten nur noch wenige Juden in Deutschland. In 1990er Jahren wuchsen die Gemeinden rasant durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, von rund 30.000 auf über 100.000 Mitglieder.

Jüdische Bevölkerung in Deutschland

Die jüdische Gesamtbevölkerung in Deutschland wird auf etwa 250.000 Personen geschätzt. Nach Frankreich und Großbritannien handelt es sich damit um die drittgrößte Community in Europa. Diese Zahl beinhaltet alle Menschen, die in der weitesten DefinitionDas heißt: Menschen, deren Vater oder deren Mutter jüdisch ist, sowie nicht-jüdische Familienangehörige von eingewanderten Juden. als Juden gelten.QuelleBerman Jewish Data Bank, "World Jewish Population, 2015", Seite 54f.

In 106 jüdischen Gemeinden bundesweit sind rund 99.000 Mitglieder organisiert, wie aus einem Online-Dossier der "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" hervorgeht. Hinzu kommen 27 Gemeinden mit rund 5.300 Mitgliedern, die der "Union progressiver Juden in Deutschland" angehören.QuelleForschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland 1955-2016, Stand: Dezember 2016

Aus dem Dossier geht außerdem hervor: Seit 2007 ist die Mitgliederzahl leicht rückläufig (zur Entwicklung in den liberal-progressiven Gemeinden liegen keine Daten vor). Das liegt unter anderem daran, dass kaum noch Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion einwandern. Ein weiterer Grund ist der demographische Wandel: 47 Prozent der Gemeindemitglieder waren 2016 über 60 Jahre alt.

Die größten Gemeinden befinden sich in Berlin, München und Frankfurt.QuelleForschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland 1955-2016

Zentralrat der Juden und andere Organisationen

Eine einheitliche jüdische Organisation wurde erst kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit dem "Zentralausschuss der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" gegründet. Ihr erster Präsident war der Rabbiner Leo Baeck. 1950 formierte sich der "Zentralrat der Juden in Deutschland" (ZJD).QuelleWebsite des "Zentralrats der Juden in Deutschland"

Der Zentralrat ist neben den großen christlichen Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Dieser Status ist mit besonderen PrivilegienWie etwa dem Recht, Steuern einzuziehen und eigene Friedhöfe anzulegen; siehe hierzu Artikel 140 Grundgesetz, eine Auflistung der K.d.ö.R. in Deutschland verbunden. Im Zentralrat sind verschiedene Gemeinden organisiert, deren Ausrichtung von streng orthodoxen, reformorientierten und konservativen bis zu liberalen Gemeinden reicht. Der Zentralrat hat den Anspruch, die religiösen Interessen aller Juden in Deutschland zu vertreten.

Neben dem Zentralrat hat sich 1997 die "Union progressiver Juden" (UPJ) gegründet, die ebenfalls eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist. Sie vereint liberale und progressive Gemeinden. Darüber hinaus ist in Deutschland die orthodoxe Organisation "Chabad Lubawitsch" aktiv.

Ausrichtungen im Judentum

Grundsätzlich unterscheidet man im Judentum zwischen drei Ausrichtungen: dem orthodoxen, dem progressiven (beziehungsweise liberalen oder reformorientierten) und dem konservativen Judentum. Der Hauptunterschied besteht in der Herangehensweise an die Quellen und ihrem Verständnis.

Im Verständnis des orthodoxen Judentums ist die Thora das direkt offenbarte Wort Gottes. Das progressive Judentum versteht die Offenbarung hingegen als von Gott ausgehenden, aber durch Menschen vermittelten und damit dynamischen und progressiven Prozess. Das konservative Judentum wiederum will die Traditionen bewahren, sieht Veränderungen aber als notwendig an – sofern sie mit den religiösen Gesetzen vereinbar sind.QuelleInformationsplattform Religion des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes (REMID)

Das liberale Judentum enstand vor allem im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts als Alternative zum orthodoxen Judentum. Bis zum Holocaust hatte es sich zur vorherrschenden Glaubensrichtung entwickelt. Nach dem 2. Weltkrieg gewann mit der Gründung des "Zentralrats der Juden in Deutschland" (ZDJ) das orthodoxe Judentum an Bedeutung und ist heute die einflussreichste Auslegung in der Bundesrepublik.

Durch die Unterstützung nicht-orthodoxer Weltverbände und die Einwanderung von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion seit Beginn der 1990er Jahre steigt die Zahl nicht-orthodoxer Gemeinden wieder. Diese werden vor allem durch die 1997 gegründete "Union progressiver Juden in Deutschland" (UPJ) vertreten.

Jüdische Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion

Zwischen 1991 und 2015 wanderten etwa 215.000 jüdische Migranten einschließlich ihrer Partner und Kinder aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland ein. Die meisten von ihnen kamen zwischen 1993 und 2004.Quelle Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Migrationsbericht 2015, S. 99

Als "Kontingentflüchtlinge" konnten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion leichter einwandern als andere Migranten. Die Einwanderung russischsprachiger Juden nach Deutschland begann 1990 in der DDR der Wendezeit und wurde ab 1991 in der Bundesrepublik fortgesetzt. Festgelegte Kontingente gab es jedoch nicht.Quelle Karen Körber, "Puschkin und Thora", in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 37, 2009, S.235ff

Um diesen Weg der Einwanderung zu nehmen, mussten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die deutschen Botschaften in ihren Herkunftsländern um Einreiseerlaubnis ersuchen. Dafür war der Nachweis ihrer jüdischen Identität notwendig. Die deutschen Vertretungen richteten sich nach den Nachweisen der "Volkszugehörigkeit" in sowjetischen Geburtsurkunden und Pässen. Es spielte keine Rolle, ob jemand gläubig oder Gemeindemitglied war. Lagen entsprechende Nachweise vor, schloss das Verfahren das Risiko der Ablehnung praktisch aus. Die Einwanderer bekamen eine unbefristete Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis.QuelleKaren Körber, "Zäsur, Wandel oder Neubeginn? Russischsprachige Juden in Deutschland zwischen Recht,Repräsentation und Realität", in: Karen Körber, Russisch-jüdische Gegenwart in Deutschland, Göttingen, 2015

Seit 2005 sinkt die Zahl der Einwanderer kontinuierlich. Im Jahr 2015 kamen lediglich 378 Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Grund für die sinkenden Zuwandererzahlen ist unter anderem das Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005. Die jüdische Zuwanderung wurde dadurch reformiert. Im Gegensatz zu den 90er Jahren müssen potenzielle Einwanderer heute Deutschkenntnisse und eine positive Integrationsprognose nachweisen. Die Möglichkeit der Aufnahme in eine Gemeinde wurde ebenfalls zum notwendigen Einwanderungskriterium.QuelleWebsite des "Zentralrats der Juden", Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, "Selbstauskunft zum Antrag auf Erteilung der Aufnahmezusage als jüdischer Zuwanderer", 2012, und "Merkblatt zum Aufnahmeverfahren für jüdische Zuwanderer", 2015