2 Jahre Mediendienst Integration 05.09.2014

Mehr Substanz statt Subjektivität

Von Ferda Ataman und Rana Göroğlu

Wie schnell die Zeit vergeht! Im September 2012 hat der Mediendienst seine Arbeit aufgenommen. Niemand wusste, ob das Projekt funktioniert: ein Informationsangebot zu Migration, Integration und Asyl an der Schnittstelle von Wissenschaft und Journalismus. Nach zwei Jahren können wir feststellen: Die Zielgruppe hat uns sehr freundlich aufgenommen. Mitunter werden wir gefragt, warum wir uns für "Integration" im Namen entschieden haben. Dazu ein Kommentar in eigener Sache.



Zur Versachlichung der Debatten: Vor zwei Jahren startete der Mediendienst Integration. Foto: MDI

Medien sind meinungsbildend. Was die Bevölkerung über Migranten und ihre Nachkommen weiß, erfährt sie vor allem aus Fernsehen, Radio, Zeitungen und Internet. Man muss nicht erst Studien bemühen, um zu bemerken, dass die Darstellung oft klischeebeladen und verzerrend ist. Zwar widersprechen die Fakten den Annahmen, Migranten sprächen nicht gut Deutsch, machten kaum Schulabschlüsse und lägen dem Staat auf der Tasche. Doch bis heute halten weite Teile der Bevölkerung an diesen vermeintlichen Wahrheiten fest.

Daher gab es beim "Nationalen Integrationsgipfel" von 2006 bis 2011 auch das Dialogforum "Medien und Integration", in dem sich Chefredakteure, Intendanten und Wissenschaftler trafen. In dieser Gruppe befand man: Ein "medienübergreifender InformationsdienstVgl. Seite 19 Nationaler Aktionsplan Integration von 2012", der schnell und unbürokratisch "Auskünfte über die Verhältnisse in der deutschen Einwanderungsgesellschaft" geben kann – das wäre eine sinnvolle Sache.

Die Idee wurde in die Tat umgesetzt: 2012 schlossen die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, verschiedene Stiftungen und Wissenschaftler vom "Rat für Migration" (RfM) eine Vereinbarung, um das Projekt zu realisieren. Darin heißt es:

"Der Mediendienst Migration Integration [Arbeitstitel] schaltet sich zeitnah in einwanderungs- und integrationspolitischen Debatten mit aktuellen Stellungnahmen, Informationen und Kommentaren ein. Das Medienbüro arbeitet an der Schnittstelle zwischen Medien und wissenschaftlicher und politischer Kompetenz, bereitet empirische Sachverhalte und wissenschaftliche Erkenntnisse im Themenfeld Migration und Integration journalistisch auf und stellt sie aktuell Medien und interessierten Multiplikatoren zur Verfügung."

Im September 2012 hat schließlich der "Mediendienst Integration" seine Arbeit mit zwei Redakteurinnen und einer studentischen Hilfskraft aufgenommen. Wir haben Tische zusammengeschraubt, Computer aufgestellt und ein Konzept für die Website ausgearbeitet. Anfangs taten wir uns noch schwer, Außenstehenden in wenigen Worten zu erklären, was wir tun. Die WDR-Journalistin Sonia Seymour Mikich brauchte einige Monate später nur drei Worte, um das Projekt in ihrer Laudatio für den Civis-Online-Preis 2013 zu umschreiben: "Faktencheck, Korrektiv und Input zugleich. Angenehm neutral, aber mit Haltung."

"Integration" ist kein Synonym für Assimilation

Genau so verstehen wir uns auch: Beim Mediendienst findet jeder mit wenigen Klicks die wesentlichen Informationen, die für das Verständnis der deutschen Migrations- und Integrationspolitik wichtig sind. Zahlen und Fakten sind mit Originalquellen hinterlegt, damit Medienschaffende sich ihr eigenes Urteil bilden können. Dennoch haben wir ein klar definiertes Ziel: Wir wollen die oft emotional aufgeladenen Debatten um Integration, Migration und Asyl versachlichen. Wir fordern Substanz statt Subjektivität.

Seither haben wir sowohl von Journalisten als auch von Wissenschaftlern ein überwältigend positives Feedback erhalten. An dieser Stelle herzlichen Dank für jeden Anruf und jede E-Mail! Kritisch gefragt werden wir hin und wieder, warum wir uns ausgerechnet Mediendienst Integration nennen – obwohl Integration oft als unausgesprochene Forderung an Migranten verwendet werde, sich anzupassen.

Wir verstehen den Begriff jedoch anders. Aus unserer Sicht beschreibt Integration den Prozess, den ein Staat, eine Stadt, eine Nachbarschaft durchlaufen muss, damit Menschen, die neu dazu kommen, Teil der Gesellschaft werden. Und damit Menschen, die schon lange dabei sind, keine Nachteile erleiden, weil sie sich durch bestimmte Merkmale von der Mehrheit unterscheiden, wie dem Namen, dem Aussehen oder der Religion.

Integration ist also ein wechselseitiger Prozess, der die gesamte Gesellschaft fordert: Von Minderheiten und Neuankömmlingen braucht es die Bereitschaft, sich einzulassen und das Interesse, mitzumachen. Von der Mehrheit braucht es vor allem die Bereitschaft, sich zu verändern. Und vom Staat braucht es durchlässige Strukturen, die allen gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen. Diese "Erneuerung" steckt in der Bedeutung des lateinischen Wortes integrare: verschiedene Teile bilden zusammen ein neues Ganzes.

Will man Integration verstehen, muss man daher auch deren Gegenpol berücksichtigen: die Desintegration. Handlungsmuster, Strömungen und Einstellungen also, durch die sich einzelne oder Gruppen selbst an den Rand der Gesellschaft stellen, aber diese auch insgesamt auseinandertreiben, in dem sie das friedliche und gleichberechtigte Miteinander stören. Dazu gehören nach unserer Lesart Rechtsextremismus, Rassismus und Diskriminierung ebenso wie islamisch begründeter Terrorismus, Gewalt und andere Formen der Menschenfeindlichkeit.