Bildungs-Studie 09.12.2013

Die unterschätzten Mitschüler

Eine Studie der Universität Düsseldorf untersucht die Erfahrungen von Migranten an deutschen Schulen und Universitäten. Die Zwischen-Ergebnisse zeigen: Viele Einwandererkinder kommen erst auf Umwegen zu einem höheren Bildungsabschluss und verlieren wertvolle Jahre. Ihre Stärken werden im Bildungssystem systematisch unterschätzt und zu wenig gefördert.



Oft hängt der Erfolg der Kinder vom Lehrer ab. Foto: picture alliance / JOKER.

Untersuchungen zu Schulkindern mit Migrationshintergrund sind oft defizitorientiert. Im Zentrum steht meist die Frage: Warum schneiden sie schlechter ab? Die Macher der Studie "Bildung, Milieu und Migration" von der Universität Düsseldorf wollen sich davon bewusst abgrenzen. Seit Frühjahr 2013 untersuchen sie in erster Linie, "welche Chancen und Ressourcen sich speziell für Schüler mit Migrationsgeschichte bieten". Gefördert von der Vodafone- und Stiftung Mercator wurden 120 Telefoninterviews mit Eltern durchgeführt, die über ihre Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem berichteten. Die Ergebnisse des ersten Teils der Untersuchung wurden nun in Berlin vorgestellt, 2014 soll ein weiterer Bericht folgen.

Das Neue an der Studie: Zum ersten Mal wurde das Modell der Migranten-Milieus des Heidelberger Sinus-Instituts in einer Bildungsstudie angewandt. Das ModellZu den Sinus-Migranten-Milieus gehören etwa das "Adaptiv-Bürgerliche" (Sinus-Schätzungen zufolge gehörten im Jahr 2008 rund 16 Prozent der Migranten in Deutschland diesem Milieu an), das "Kosmopolitisch-Intellektuelle" (2008 rund 11 Prozent) oder das "Religiös-Verwurzelte" (2008 rund 7 Prozent). Siehe SinusSociovision, Zentrale Ergebnisse der Sinus-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland, 19.12.2008. unterscheidet acht verschiedene Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund. Dazu zählen nicht nur Faktoren wie Einkommen oder Bildungsabschluss, sondern auch Einstellungen, Werte und Lebensziele.

Der wissenschaftliche Leiter der Untersuchung, Prof. Heiner Barz, sagte bei der Vorstellung, die Anwendung der Sinus-Milieus habe sich bewährt. Die Methode habe etwas Wesentliches gezeigt: "Die jüngst veröffentlichte PISA-Studie spricht noch von den Migranten, aber diese Gruppe gibt es so nicht mehr. Vielmehr haben wir es mit einer Vielzahl unterschiedlicher Milieus zu tun, die quer zu den Herkunftsländern verlaufen."

Die wichtigsten Ergebnisse des Zwischenberichts

Schüler aus Einwandererfamilien machen der Studie zufolge auf ihrem Bildungsweg vermeidbare Umwege und verlieren dabei wertvolle Jahre. Das läge nicht nur an mangelnden Sprachkenntnissen oder einer Zurückstufung in eine niedrigere Klassenstufe, unmittelbar nach der Einwanderung. Zahlreiche andere Faktoren verhinderten, dass sich diese Kinder gut entfalten können:

  • Viele Einwanderer seien nicht genügend über den komplizierten Aufbau des deutschen Schulsystems informiert.
  • Hinzu kämen nach wie vor verbreitete Vorurteile in Schulen und Behörden, die sich etwa in falschen Empfehlungen durch Lehrer beim Übergang von der Grund- auf eine weiterführende Schule äußerten.
  • Über den gesamten Bildungsverlauf von der Grundschule bis zum Studium würden die Fähigkeiten und Ressourcen von Kindern mit Migrationshintergrund systematisch unterschätzt.
  • Gleichzeitig berichteten viele Eltern, dass der Erfolg in der Schule oft stark vom einzelnen Lehrer abhänge – sowohl im negativen Sinne, wenn Kinder sich durch Lehrer diskriminiert fühlten, als auch im positiven Sinne, wenn sie sich besonders stark für einzelne Schüler einsetzten.
  • Die deutsche Sprache zu beherrschen werde in allen Milieus als Voraussetzung für das Leben in Deutschland betrachtet. Ebenso wünschten sich Eltern aber auch, dass ihre Kinder mehrsprachig aufwachsen. Viele seien jedoch unsicher, wie sie ihre Kinder am besten bilingual erziehen können und wünschten sich mehr Möglichkeiten für muttersprachlichen Unterricht an den Schulen. Zugleich machten sie oft die Erfahrung, dass ihre Muttersprachen abgewertet werden.

Eltern wollen besser informiert werden

  • In vielen Familien sei der vorherrschende problem- und defizitorientierte Blick auf Einwanderer stark verinnerlicht. In Bezug auf die Bildungschancen ihrer Kinder betrachteten viele Eltern den eigenen Migrationshintergrund nicht als Chance, sondern als Manko. Das äußere sich etwa darin, dass sie ihre Kinder nicht auf eine Schule mit hohem Anteil von Kindern aus Einwandererfamilien schicken wollen.
  • Eltern mit Migrationshintergrund seien oft sehr bemüht, ihren Kindern gute Bildungschancen zu ermöglichen, stießen dabei aber häufig an ihre Grenzen – die Unterstützungsmöglichkeiten unterschieden sich jedoch je nach Milieu voneinanderso werden etwa im adaptiv-bürgerlichen Milieu alle Unterstützungsmöglichkeiten von der Hausaufgabenbetreuung über gemeinsames Lernen bis zu Begleitung bei Klassenfahrten ausgeschöpft; Eltern aus dem intellektuell-kosmopolitischen Milieu wiederum werden manchmal zu regelrechten Bildungskämpfern für ihre eigenen und andere Kinder.
  • Engagement in Elterngremien und -Vertretungen sei eher die Ausnahme als die Regel. Viele Migranten berichteten von hohen Zugangsbarrieren oder trauten sich ein so "offizielles Amt" nicht zu.
  • Viele Eltern wünschten sich mehr Angebote, um sich über das deutsche Schulsystem zu informieren. Diese sollten jedoch nicht nur auf Eltern mit Migrationshintergrund zugeschnitten sein, sondern gemeinsam von allen Eltern genutzt werden können.

Erste Empfehlungen

Bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse betonten die Macher der Studie: Eltern mit Migrationshintergrund hätten häufig schwierige Ausgangsbedingungen – etwa hinsichtlich ihrer Deutschkenntnisse, finanziellen Ressourcen oder dem eigenen Schulabschluss. Für den Bildungserfolg ihrer Kinder spielen Eltern aber eine zentrale Rolle und müssten deshalb stärker unterstützt werden.

Ein erster Schritt könne eine Online-Portal für Eltern sein, das in verschiedenen Sprachen Informationen über das deutsche Schulsystem oder mehrsprachige Erziehung bietet. Ebenso wichtig sei es jedoch, Eltern direkt anzusprechen und zu aktivieren, etwa durch Kurse speziell für die Erwachsenen.

Von Rana Göroğlu, MDI