Expertise 12.12.2016

Haben sich "Willkommensklassen" bewährt?

Sind sogenannte Willkommensklassen ein gutes Modell, um neu zugewanderte Kinder und Jugendliche zu beschulen? Wissenschaftler des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung haben das erforscht. In einer Expertise für den MEDIENDIENST fassen die Autoren vorab exklusiv erste Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen. Ihr Fazit: Die separierte Beschulung produziert eine ganze Reihe von organisatorischen Problemen.



Derzeit gibt es rund 1.000 sogenannte Willkommensklassen an Berliner Schulen. In den separaten Klassen werden neu zugewanderte Kinder und Jugendliche vorübergehend unterrichtet, um ihnen ein intensives Deutschlernen zu ermöglichen. Doch haben sich diese Klassen bewährt?

Ein Forscherteam des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) hat unter der Leitung von Professorin Juliane Karakayali und Dr. Birgit zur Nieden 18 "Willkommensklassen" an Berliner Grundschulen untersucht. Zudem sind die Wissenschaftler der Frage nachgegangen, wie erfolgreich Schulen sind, die neu zugewanderte Kinder integrativ beschulen, also nicht in separaten "Willkommensklassen". Die Studie wurde von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung gefördert.

Die Gesamtergebnisse der Untersuchung sollen im März 2017 vorgestellt werden. In einer Expertise für den MEDIENDIENST präsentieren die Autoren aber bereits erste Ergebnisse. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Die Klasseneinteilung:

  • An den Schulen, die separierte "Willkommensklassen" anbieten, werden häufig die Kinder der Klassenstufen 1-3 sowie der Klassenstufen 4-6 gemeinsam unterrichtet.
  • In den "Willkommensklassen" herrscht eine sehr hohe Fluktuation, diese Situation beschreiben die Lehrkräfte als große Herausforderung.
  • Eine regelmäßige Dokumentation des Lernstandes der Kinder findet nur in wenigen Klassen statt.

Eingebundenheit der "Willkommensklassen" in die Regelabläufe:

  • Bei vielen Lehrkräften ist die Wahrnehmung verbreitet, dass die "Willkommensklassen" aufgrund ihrer Separiertheit im Schulalltag häufig "vergessen" werden, beispielsweise bei den Bundesjugendspielen, Einschulungsfeiern, dem Schulfest, der Vergabe von Turnhallenzeiten oder der Beteiligung an Theaterstücken.

Gegenstand des Unterrichts:

  • Für "Willkommensklassen" an Grundschulen ist kein Curriculum vorgesehen, darum variieren die Inhalte des Unterrichts von Schule zu Schule und selbst von Klasse zu Klasse.
  • Es besteht weitgehende Unklarheit darüber, was die Kinder wie und mit welchem Material lernen sollen und es hängt allein von der Lehrkraft ab, was gelehrt wird.

Ehrenamt:

  • Ehrenamtliche Unterstützung spielt an vielen der untersuchten Schulen eine große Rolle. Offenbar mildern Ehrenamtliche Problemlagen, die aus der getrennten Beschulung entstehen.

Übergang in die Regelklassen:

  • Möglichkeiten und Abläufe bezüglich des Übergangs von der "Willkommensklasse" in die Regelklassen sind von Schule zu Schule verschieden.
  • Unter den Schulen, die "Willkommensklassen" anbieten, schließen einige den Verbleib an der Schule von vornherein aus.
  • Es gibt keine Vorgaben, welche Kompetenzen die Kinder vorweisen müssen, um in die Regelklassen überzugehen. Meist entscheiden die Lehrkräfte, wann sie ein Kind für befähigt halten, am Regelklassenunterricht teilzunehmen.

Lehrkräfte:

  • Fast alle befragten Lehrkräfte schätzten sich dennoch selbst als hoch motiviert, emphatisch und engagiert ein. Jedoch beklagt die Mehrheit von ihnen einen Mangel an personeller Unterstützung.

Das Forscherteam folgert daraus: "Die Beschulung neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher wird bisher kurzfristig und kurzsichtig organisiert. Die separierte Beschulung in "Willkommensklassen" produziert dabei eine ganze Reihe von organisatorischen Problemen." Die sogenannten Willkommensklassen seien aber nicht alternativlos. Einige Berliner Grundschulen gliedern die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen direkt in Regelklassen ein und bieten zusätzlichen Deutschunterricht an. Diese Schulen hätten mit deutlich weniger organisatorischen Problemen zu kämpfen.