MDI-Pressegespräch 08.07.2016

"Soziale Integration kann Kriminalität vorbeugen"

Seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wird viel darüber diskutiert, ob Einwanderer und Flüchtlinge "krimineller" sind als die Mehrheitsbevölkerung. Was wissen wir über den Zusammenhang von Herkunft und Delinquenz? Wie aussagekräftig sind Kriminalstatistiken? Der MEDIENDIENST hat hierzu ein Pressegespräch in Köln organisiert.



Pressegespräch in Köln: Was wissen wir über Migration und Kriminalität? Foto: Mediendienst

Die Diskussion um das Verhältnis von Migration und Kriminalität ist geprägt von Mutmaßungen und Gerüchten. Wissenschaftliche Studien zur aktuellen Einwanderung gibt es kaum. Welche Zahlen liegen vor? Was sagen sie aus? Und welche Erkenntnisse gibt es zur Situation in anderen Einwanderungsländern? Ein halbes Jahr nach der Kölner Silvesternacht hat der MEDIENDIENST Journalisten in Köln zu einem Pressegespräch eingeladen, um diese Fragen mit Experten zu diskutieren.

"Es gibt keinen einfachen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität", erklärte Christian Walburg, Kriminologe an der Universität Münster. Beim Pressegespräch stellte er ein Gutachten vor, das aktuelle Erkenntnisse der kriminologischen Forschung zusammenträgt. Die zentralen Ergebnisse im Überblick:

  • Wie oft Personen mit MigrationshintergrundWer die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt oder mindestens einen Elternteil hat, bei dem das der Fall ist, hat einen "Migrationshintergrund". Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2015 straffällig werden, lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, da offizielle Kriminalitätsstatistiken nur zwischen deutschen Staatsangehörigen und Ausländern unterscheiden.
  • Zu ausländischen Tatverdächtigen zählen laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) auch Personen, die sich nur vorübergehend in Deutschland aufhalten, wie zum Beispiel Touristen oder Menschen, die eingereist sind, um Straftaten zu begehen.
  • Die Zahl ausländischer Tatverdächtiger ist in den letzten Jahren gestiegen: 2015 wurden rund 556.000 ausländische Tatverdächtige gezählt, das waren rund 34 Prozent mehr als 2008. Das heißt aber nicht, dass Ausländer inzwischen stärker zu Kriminalität neigen. Denn von 2008 bis 2015 ist auch die Zahl der ausländischen Wohnbevölkerung um rund 35 Prozent gestiegen.
  • Ein weiterer Grund für den Anstieg: Die Zahl der "Nichtdeutschen", die wegen Diebstahls verdächtigt wurden, ist von 2008 auf 2015 um 58 Prozent auf rund 177.000 gestiegen. Aber: Etliche dieser Straftaten wurden mutmaßlich von Menschen begangen, die nicht in Deutschland leben.

Auf die Frage hin, wie man Kriminalität bei Migranten vorbeugen könne, plädierte Walburg für mehr Integrationsmöglichkeiten: "Insgesamt ist es mittel- und langfristig entscheidend, inwieweit es den neu Zugewanderten gelingt, in der Aufnahmegesellschaft Fuß zu fassen." Zentral sei hier der Zugang zu Bildung und Arbeit.

"Soziale Integration kann Kriminalität vorbeugen"

Werde Migranten dieser Zugang verwehrt, stelle das einen großen Risikofaktor für Kriminalität dar, sagte Sandra Bucerius, Kriminologin an der University Alberta in Kanada. "Soziale Integration hingegen kann Kriminalität vorbeugen", so die Forscherin. Fünf Jahre lang hat sie in Deutschland Jugendliche aus Einwandererfamilien begleitet, die in den Drogenhandel verwickelt waren. "Die jungen Männer erzählten mir, dass sie sich in vielen Bereichen der Gesellschaft ausgegrenzt fühlten – vor allem am Arbeitsmarkt." Dass sie kriminell geworden seien, hätten die Jugendlichen als Reaktion auf diese Ausgrenzung gedeutet. "Anders als am regulären Arbeitsmarkt sehen sie auf der Straße die Möglichkeit zu beweisen, dass sie ‚jemand sind’."

Laut Bucerius führt Migration nicht zu mehr, sondern zu weniger Kriminalität: "Studien aus Nordamerika weisen darauf hin, dass steigende Zuwanderungsraten mit niedrigeren Kriminalitätsraten einhergehen." Manche Forscher gingen sogar davon aus, dass Zuwanderung zum drastischen Rückgang der Kriminalität in den USA in den 90er Jahren beigetragen habe, so die Kriminologin. Die erste Generation von Migranten werde durchschnittlich seltener straffällig als die Mehrheitsbevölkerung – das gelte für alle westlichen Einwanderungsländer. Bei der zweiten Generation hingegen lässt sich ein Anstieg der Kriminalitätsraten erkennen.

"Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen"

Vielerorts wird diskutiert, ob der Zuzug von Flüchtlingen zu einem Anstieg der Kriminalität geführt hat. Ulf Küch, Chef der Kriminalpolizei in Braunschweig, kann das nicht bestätigen. Er rief 2015 die erste Sonderkommission zum Thema "Flüchtlingskriminalität" ins Leben. Sein Fazit: Für die gestiegenen Zahlen in einzelnen Deliktsbereichen wie etwa Wohnungseinbrüchen oder Diebstählen seien nicht Flüchtlinge, sondern "hochprofessionelle Banden" verantwortlich. Diese reisten gezielt ein, um Straftaten zu begehen. "Das alles den Asylbewerbern in die Schuhe zu schieben, ist eine Ungeheuerlichkeit. Wir dürfen Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen", betonte er beim Pressegespräch.

Ähnlich wie die Wissenschaftler plädierte Küch für eine frühe Integration von Geflüchteten, um Kriminalität vorzubeugen. Zudem müssten Straftäter schnell und angemessen bestraft werden: "Wenn Fehlverhalten nicht schnell sanktioniert wird, sind unsere Gesetze wertlos."

Von Jennifer Pross