Von der Politik vernachlässigt 06.05.2015

Wie ergeht es Menschen in "weißen" Arbeitervierteln?

Wenn es um soziale Brennpunkte geht, wandert der Blick oft in Viertel, in denen der Migrantenanteil hoch ist. Doch auch sogenannte "weiße" Arbeiterviertel werden immer öfter zu Ballungsräumen für Probleme und Gewalt. Eine Studie im Auftrag der "Open Society Foundations" analysiert die Situation am Beispiel von sechs Stadtteilen in verschiedenen Ländern. Einer davon: Marzahn-Hellersdorf in Berlin. Das Ergebnis: Viele Probleme haben mit mangelnder Partizipation zu tun.



Marzahn-Hellersdorf war zu DDR-Zeiten ein Modell-Viertel. Foto: dpa

Wer den Namen Marzahn-Hellersdorf hört, hat in Berlin meistens ein Bild vor Augen: Plattenbauten, Arbeitslose und rechtsextreme Jugendliche, die die Gegend unsicher machen. Der verrufene Bezirk am östlichen Rand Berlins ist jedoch ein viel komplexeres soziales Mosaik, dessen Probleme nicht nur mit Vorstadt-Malaise zu tun haben, sondern auch mit Vorurteilen, Marginalisierung und mangelnder Partizipation.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die vom Projekt "At Home in Europe" der US-amerikanischen "Open Society Foundations" im Auftrag gegeben wurde. Ziel des Forschungsprojektes ist es, "inclusion", also Teilhabe, in sozial benachteiligten Gemeinden in ganz Europa zu fördern. Zu diesem Zweck wurden sechs Fallstudien in sogenannten "white working class communities" (weiße Arbeiterviertel) durchgeführt: Aarhus, Amsterdam, Lyon, Manchester, Stockholm und Berlin.

Dr. Andreas Hieronymus und Dušan Ugrina haben für die Studie zwanzig Vertreter lokaler Institutionen und Organisationen interviewt. Zudem haben sie zwölf thematische Fokusgruppen mit Einwohnern gebildet, um über die Probleme des Viertels zu diskutieren.

Das Gesellschaftsbild, das die Studie skizziert, trägt nach wie vor die Spuren des sozialen Wandels nach der Wende: Aus einem Wohnviertel für junge, gebildete Familien zu DDR-Zeiten ist in den letzten 25 Jahren ein Seniorendorf an den Rändern des städtischen Geschehens geworden. Das Vorzeige-Viertel des DDR-Regimes wurde schon kurz nach der Wende zum Symbol der gescheiterten sozialistischen Stadtplanung, heißt es in der Studie. Aufgrund der starken West-Wanderung nach der Wende wurden die Mietpreise in den zentraler gelegenen Ost-Bezirken viel billiger. Zusammen mit dem Image-Problem, unter dem die Trabantenstadt immer stärker litt, führte das zu einer massiven Abwanderung aus dem Bezirk: In zehn Jahren zogen mehr als 50.000 Bewohner richtung Zentrum oder Brandenburg.

Die Arbeitslosenquote ist gesunken, bleibt jedoch mit 15 Prozent vier Prozentpunkte über dem Berliner Durchschnitt. Vertreter der Bezirksverwaltung weisen auf einen hohen Anteil von Kindern hin, die unter der Armutsgrenze leben: 46 Prozent der Familien mit Kindern in Marzahn-Hellersdorf leben von Sozialleistungen. Mehr als 40 Prozent aller Kinder haben außerdem mangelnde Sprachkenntnisse. Das hat der Bezirksverwaltung zufolge weniger mit der kulturellen Herkunft als mit dem Sozialstatus der Familie zu tun.QuelleHandlungsorientierter Sozialstrukturatlas Berlin 2013

Aus dem einstigen Wohnviertel für junge Familien ist heute der am schnellsten alternde Bezirk Berlins geworden, erklärt die Bezirksverwaltung. In Marzahn-Hellersdorf haben sich somit zwei stark voneinander getrennte Gruppen gebildet: die "Ureinwohner", die heute im Durchschnitt 50 bis 60 Jahre alt sind und die Zugezogenen – meist sozial benachteiligte Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.

Soziale Spannung, rassistische Gewalt

Je mehr Menschen aus dem Bezirk auszogen, desto stärker sanken die Mietpreise, was wiederum dazu führte, dass immer mehr Menschen mit einem niedrigen Einkommen nach Marzahn-Hellersdorf zogen: Arbeitslose, Alleinerziehende und Einwanderer. Unter letzteren waren anfänglich vor allem vietnamesische Vertragsarbeiter, die im Rahmen befristeter Austauschprogramme in die DDR gezogen waren und nach der Wende als Asylsuchende blieben. Kurz darauf zog der Bezirk mit seinen niedrigen Mieten zunehmend Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und Menschen, die vor dem Balkankrieg nach Deutschland geflüchtet waren, an.

Seit 2008 steigt die Zahl der polnischen, rumänischen, türkischen und arabischen Familien. Dennoch bleibt Marzahn-Hellersdorf einer der Bezirke, in denen die wenigsten Einwandererfamilien wohnen: In Berlin liegt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund bei 27 Prozent, in Marzahn bei 12,5.

Die Veränderungen führten dazu, dass die lokale Bevölkerung sich zunehmend im Stich gelassen fühlte, berichten ältere Teilnehmer der Fokusgruppen, denn Gewerbe blieben vom Bezirk fern, Schulen und Jugendklubs mussten schließen. Die steigende Unzufriedenheit lud sich bereits in den frühen 90er Jahren wiederholt auf die Neuankömmlinge aus dem Ausland ab: Der Bezirk wurde zum Schauplatz rechtsextremistischer Gewalt.

Rassistische Tendenzen sind auch heute erkennbar, vor allem unter Jugendlichen. Die OSF-Studie beleuchtet eine Trennlinie zwischen dem südlichen Teil des Bezirks, der traditionell stärker nach links orientiert ist und einigen Wahllokalen im Norden, in denen die NPD bei der letzten Bundestagswahl mehr als 12 Prozent erreichte.

Partizipation bleibt auf der Strecke

Die rechtsextremistischen Entwicklungen kamen besonders stark im Sommer 2013 zum Ausdruck, als eine Gruppe von Einwohnern sich gegen die geplante Errichtung eines Flüchtlingsheims in Hellersdorf wehrte. Unter dem Deckmantel einer "Bürgerinitiative" verbargen sich mehrere bekannte Rechtsextreme. Obwohl der Bezirksbürgermeister die Initiative stark kritisierte, beklagte auch er im Interview für die Studie, dass die Bezirksverwaltung erst einen Monat vor dem geplanten Einzug der Asylsuchenden über die Pläne des Senats informiert wurde.

Dabei zeigt sich nach Auffassung der Autoren ein grundsätzliches Problem des Bezirks: Politische und gesellschaftliche Teilhabe bleibt meist auf der Strecke. Viele Studien-Teilnehmer bedauerten, dass die Einwohner von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen würden. Selbst dann, wenn der Senat versuchte, durch Programme wie Stadtumbau Ost, Soziale Stadt oder Aktionsraum Plus den Bezirk zu beleben, fühlte sich das bei den meisten so an, als ob der lokalen Bevölkerung von oben herab etwas aufgezwungen würde. Das Gefühl, von der Politik ignoriert zu werden, spiegelt sich auch in der Wahlbeteiligungsquote wider: Bei der letzten Bundestagswahl verzeichnete man in Marzahn-Hellersdorf mit 65 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung in Berlin.

Um zu vermeiden, dass der Wunsch der Bürger nach mehr Mitsprache von Rechtsextremisten gekapert wird, schlagen die Autoren vor, die Einwohner stärker in Entscheidungsprozesse der Bezirks- und Stadtverwaltung einzubinden. Außerdem sollte die Lücke zwischen der alten und jungen Generation durch Projekte überwunden werden, die beide Gruppen gleichermaßen ansprechen.

Von Fabio Ghelli