Buch zum Kölner NSU-Anschlag 09.06.2014

"Dein Vater hat mit der Mafia zusammengearbeitet"

Am 9. Juni 2004 explodierte vor einem Frisörladen in der Keupstraße in Köln eine Bombe, die mit 800 Nägeln gespickt war. Die Explosion und die umherfliegenden Metallstücke verletzten über 20 Menschen. Die mutmaßlichen Täter: Mitglieder der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU. Dennoch nahmen die Ermittler jahrelang die Opfer selbst ins Visier. In einem Sammelband beschreiben Angehörige und Anwohner zum zehnten Jahrestag ihre Erlebnisse. Einige Auszüge.



Die Keupstraße in Köln. Ausschnitt vom Buchcover "Von Mauerfall bis Nagelbombe", Foto: Dörthe Boxberg

In der Kölner Keupstraße leben und arbeiten noch heute überwiegend türkeistämmige Menschen. Ihnen gilt der Nagelbombenanschlag des selbsternannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) vor zehn Jahren, bei dem 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Die Polizei tappte bis 2011 im Dunkeln. Sie vermutete die Täter im Umfeld der Opfer und schleuste verdeckte Ermittler und Spitzel ein. Einige Anwohner verloren durch den Anschlag ihren Laden, ihr Auto, ihre Gesundheit – viele auch ihr Vertrauen in die Polizei und Behörden. Das Auffliegen der rechtsextremistischen Täter bestätigte ihre langjährigen Vermutungen. Die Amadeu Antonio Stiftung gibt anlässlich des zehnten Jahrestags einen Sammelband heraus, in dem die Anwohner anonymisiert ihre Geschichten erzählen.

"Alles flog durch die Luft"

Herr M.
"Ich habe gearbeitet. Plötzlich brach der ganze Laden über uns zusammen. Durch die Explosion sind wir natürlich verletzt worden. Denn im Laden war nichts mehr ganz, alles flog durch die Luft und fiel zu Boden. [...] Alles wurde in Stücke gerissen, draußen vor der Tür waren die Autos zerstört. Die Scheiben der Läden waren zerborsten. Sachen wurden herausgeschleudert. Sogar die Regale sind aus den Wänden gerissen worden."

"Dein Vater hat mit der Mafia zusammengearbeitet"

Hasan Y.
"Die Keupstraße hat eine bestimmte Zeit lang eine wirtschaftliche Flaute erlebt, alle Leute hatten Angst. Sogar die Kunden. Denn in der Presse hat das so einen großen Raum eingenommen, was die Polizei gesagt hat, mit der Mafia, mit den Drogen. Diese Verdächtigungen haben bei den Kunden Vorbehalte erzeugt, so dass sie sicherlich auch gedacht haben, vielleicht ist ja etwas dran an den Vorwürfen. Der Betrieb stand für eine Weile still."

Herr M.
"Ich kenne fast alle Angehörigen der Toten. Sie trauern alle sehr. Immer wenn über diese Sachen gesprochen wird, werden sie wieder daran erinnert. [...] Und diese Menschen wurden wochenlang auf die Polizeiwache mitgenommen und verhört. Einigen Angehörigen wurde gesagt: Dein Vater hat mit der Mafia zusammengearbeitet. [...] Anderen haben sie gesagt: Dein Vater ist in die und die Geschäfte verwickelt. Er fährt nach Holland oder irgendwo anders hin. Sie hatten es immer auf solche Sachen abgesehen."

"Unsere Meinung hat sich bewahrheitet"

F. B.
"Unsere Meinung hat sich bewahrheitet. [...] Die ganze Straße war davon überzeugt, dass das ein fremdenfeindlicher Anschlag war, dass das Nazis waren. Deshalb waren wir nicht besonders schockiert. Denn in den Wochen nach dem Bombenanschlag wurden diese Sachen auf der Straße diskutiert. Da haben wir schon angefangen zu denken, dass es fremdenfeindlich war. Wir haben uns auch gegenseitig gefragt, ob wir Feinde oder irgendetwas haben. Jeder hat mit jedem gesprochen. Da ist aber nichts bei rausgekommen. Deswegen war das klar, dass das Fremdenfeindlichkeit war. Das war also kein großer Überraschungsmoment."

B. S. T.
"Ich habe dieses Gefühl gehabt: »Die wollen uns nicht haben.« Obwohl wir hier bereits in der vierten, fünften Generation in Deutschland leben. Das ist traurig. [...] Also ich würde sagen, die sollen sich schämen. Das passt gar nicht zu Deutschland. Ich war wütend, aber auch traurig."

"Wir können nicht mehr vertrauen"

Ayse: "Natürlich ist das ganz anders geworden. Wir können nicht mehr vertrauen. Besonders den Politikern können wir nicht mehr vertrauen. Denn dieses Vertrauen ist verletzt worden. Es sind ja Akten geschreddert worden. Wer hat das weggemacht? Das waren die Politiker, sagt man. Wenigstens sollen in den anderthalb Jahren in München alle Akten offengelegt werden. Auch die Politiker müssen ihre Akten offenlegen."

Weitere Augenzeugenberichte finden sich in dem Sammelband "Von Mauerfall bis Nagelbombe. Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre". Er wurde von der Kölner Gruppe "Dostluk Sineması" herausgebracht und von der Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht. Neben den Interviews mit den damaligen Anwohnern, spannt der Band mit Analysen den Bogen von den rassistischen Pogromen in den 1990er Jahre bis zu den NSU-Anschlägen.

Zusammengestellt von Jakob Roßa