Medien-Tour in Hamburg 05.08.2016

Wie verändern Flüchtlinge den Islam in Deutschland?

Fast 80 Prozent der Flüchtlinge, die 2016 einen Asylantrag gestellt haben, waren Muslime. Was bedeutet das für Moscheen in Deutschland? Haben islamfeindliche Einstellungen in der Bevölkerung zugenommen? Und wie groß ist die Gefahr von Radikalisierung unter den Geflüchteten? Der MEDIENDIENST INTEGRATION hat Journalisten zu einer Medien-Tour in Hamburg eingeladen, um diese Fragen zu diskutieren.



Journalisten im Gespräch mit Daniel Abdin von der Al-Nour-Moschee. Foto: Thomas Lobenwein

Wie stark die Flüchtlingsmigration viele islamische Gemeinden in Deutschland beschäftigt, zeigt das Beispiel der Hamburger Al-Nour-Moschee: Sie hat im vergangenen Winter jede Nacht bis zu 200 Flüchtlinge untergebracht, erzählte der Vorstandsvorsitzende Daniel Abdin bei der Medien-Tour des MEDIENDIENSTES. Die Moschee gehört zu den wenigen arabischsprachigen Gemeinden in der Hansestadt. Auch aus diesem Grund suchen viele Flüchtlinge sie auf. Abdin sagte, die Zahl der Besucher habe sich in den Freitagsgebeten seit dem vergangenen Jahr verdoppelt. Die Moschee sei durch die Ausgaben für Beherbergung und Verpflegung der Flüchtlinge in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Jedoch habe sie auch viel Unterstützung von außen erfahren, unter anderem von Kirchengemeinden.

Die türkischsprachige Centrum-Moschee wird ebenfalls häufig von Flüchtlingen aufgesucht. Vorstandsmitglied Özlem Nas sagte, ihre Gemeinde bekomme auch Anfragen von Lehrern, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterrichten, und von Ärzten, die Geflüchtete behandeln. Wenn Flüchtlinge in die Moschee kommen, gehe es ihnen nicht nur um Religion, erzählte Nas, die auch im Vorstand des "Bündnisses der islamischen Gemeinden in Norddeutschland" (BIG) sitzt. Sie suchten Kontakt zu Menschen in Deutschland, um Deutsch zu lernen oder den Alltag zu bewältigen.

Der Ethnologe Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) hat zur Arbeit von islamischen Gemeinden geforscht. Er stellt fest: "Das Ehrenamt ist Stärke und Schwäche der Gemeinden." Das gelte auch für die Flüchtlingsarbeit. Ehrenamtliche könnten schnell mobilisiert werden, aber sie arbeiteten nicht immer professionell und die Strukturen seien nicht nachhaltig. Staatliche Unterstützung für Projekte zu erhalten, ist laut Schiffauer schwierig. Die Arbeit der muslimischen Gemeinden in der Flüchtlingshilfe werde "mit äußerstem Misstrauen" betrachtet. Wenn Gemeinden etwa in Verfassungsschutzberichten erwähnt würden, hätten sie faktisch keine Chance mehr, Kooperationen mit anderen Organisationen einzugehen.

Muslimfeindliche Einstellungen haben zugenommen

Der Sozialpsychologe Andreas Zick von der Universität Bielefeld sagte, Muslime und Migranten seien häufiger als noch 2014 mit Ablehnung konfrontiert. Vor allem Asylbewerbern gegenüber seien mehr Menschen negativ eingestellt. In der ZuGleich-Studie von Zick sagten 25 Prozent der Befragten, die muslimische Kultur habe einen "gefährlichen Einfluss auf die deutsche Jugend". Vor zwei Jahren stimmten noch rund 19 Prozent der Befragten dieser Aussage zu.

Am Ende der Medientour ging es um die Frage einer möglichen Radikalisierung von Flüchtlingen. Laut Marco Haase vom Landesamt für Verfassungsschutz gab es in Hamburg bisher nur einzelne Versuche militanter Islamisten, Kontakt zu Flüchtlingen aufzunehmen. André Taubert von der Fachstelle für religiös begründete Radikalisierungen "Legato" erklärte, dass bei Radikalisierungen immer eine persönliche Krise der Ausgangspunkt sei. Dem folge ein Isolationsprozess von Familie, Freunden und Gesellschaft. Das sei bei Flüchtlingen genau wie bei anderen Menschen, die sich radikalisierten.

Von Jenny Lindner