Schulbücher 12.04.2017

"Die Kolonialzeit wird nicht kritisch genug behandelt"

Von 1884 bis 1918 hatte Deutschland mehrere Kolonien. Dazu gehörte auch das heutige Namibia: Anfang des 20. Jahrhunderts brachten deutsche Truppen dort mehrere zehntausend Angehörige der Herero und Nama um. Wie werden diese Verbrechen heute an Schulen thematisiert? Wie bereiten Schulbücher das Thema auf? Und was kann Deutschland im Umgang mit der Kolonialzeit von anderen Ländern lernen? Der MEDIENDIENST hat dazu den Schulbuch-Forscher Lars Müller interviewt.



Schulunterricht: Es gibt nur wenig Anreize, die Kolonialzeit kritisch zu behandeln. Foto: dpa

MEDIENDIENST: In einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen heißt es, die deutsche Kolonialgeschichte werde in öffentlichen Debatten zu wenig beachtet. Trifft das auch auf den Schulunterricht zu?

Lars Müller: Für Schulbücher kann man das so nicht sagen. Die Kolonialgeschichte ist durchaus fester Bestandteil der Unterrichtsmaterialien. Kritisieren kann man aber die Art und Weise, wie das Thema aufbereitet wird. Es wird beispielsweise seit Jahren dafür plädiert, stärker auf die Gräueltaten einzugehen, die mit dem Kolonialismus verbunden waren, oder deutlicher zu machen, dass die Kolonialzeit bis heute fortwirkt – zum Beispiel in Form von Rassismus. Schulbuchautoren nehmen diese Debatten durchaus wahr und versuchen, sie zu berücksichtigen. Veränderungen können sie jedoch immer nur schrittweise umsetzen und das benötigt Zeit.

Woran liegt das?

Die Verlage arbeiten in erster Linie nach wirtschaftlichen Kriterien. Die meisten Schulbücher sind daher keine Neuproduktionen, sondern lediglich Überarbeitungen. Die Autoren – meistens Lehrer – orientieren sich stark an den Vorgängerversionen und an den Lehrplänen.

Und was schreiben die Lehrpläne vor?

Bildung ist Ländersache, das heißt jedes Bundesland hat eigene Vorschriften. Was die Kolonialzeit anbelangt, geben die Lehrpläne jedoch nur wenig Anreize, das Thema kritisch zu behandeln. In Niedersachsen etwa sieht der Lehrplan für die Sekundarstufe IKlassen 5 bis 10 am Gymnasium lediglich vor, dass sich Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Formen des Imperialismus auseinandersetzen sollen. Der Lehrplan in Bayern geht etwas weiter. Darin heißt es, man solle auch die "Auswirkungen auf die betroffenen Völker an einem Beispiel" thematisieren.

Wie wird das in Schulbüchern konkret umgesetzt?

Lars Müller (M.A.) ist wissenschaft-licher Mitarbeiter am "Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuch-forschung". Er promoviert dort zum Thema "Afrikawissen – Diskurse und Praktiken der Schulbuchentwicklung in Deutschland und England seit dem Zweiten Weltkrieg". Zuvor hat er Geschichte und Politik in Braunschweig, Wien und Cardiff studiert.

Das ist unterschiedlich. In der Regel gibt es aber ein Kapitel zum Imperialismus, das aus zwei Abschnitten besteht: Im ersten Abschnitt geht es meist um den sogenannten "Wettlauf um Afrika", also um die Aufteilung des Kontinents und die damit einhergehenden Konflikte zwischen den Kolonialmächten. Die Perspektive der Betroffenen kommt hier in der Regel nicht zur Sprache. Anders im zweiten Abschnitt zur Kolonialpolitik: Hier wird auch das Verhältnis zwischen den Kolonialmächten und den Kolonisierten reflektiert.

Von 1904 bis 1908 haben deutsche Truppen im heutigen Namibia mehrere zehntausend Angehörige der Herero und Nama umgebracht. Taucht dieses Thema in den Schulbüchern auf?

Ja, die Verlage haben durchaus Spielraum, eigene Schwerpunkte zu setzen. Erste kolonialkritische Töne wurden bereits Mitte der 70er Jahre aufgenommen. Um 2000 schlug sich dann die Debatte zur Frage "Völkermord – ja oder nein?" in den Schulbüchern nieder. In einer Rede von 2004 hatte die damalige Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) gesagt, dass die Verbrechen an den Herero und Nama heute als Völkermord bezeichnet würden. Zwei Jahre später tauchten Zitate aus dieser Rede in einigen Schulbüchern auf. Die Gewalt in deutschen Kolonialgebieten wird also durchaus thematisiert. Die Art, wie diese Gewalt dargestellt wird, birgt aber oft die Gefahr, koloniale Diskurse zu reproduzieren.

Inwiefern?

Angehörige der Herero und Nama werden in den Büchern oft ausschließlich als Opfer dargestellt. Ihre Lebenssituation wird dabei kaum behandelt und sie treten selten als Akteure auf. Außerdem stellen viele Schulbücher Afrika als ein in sich geschlossenes System dar, sprechen von "dem" Afrika oder "den" Afrikanern. Das wird der Vielfalt des Kontinents bei weitem nicht gerecht. Ein weiteres Problem: Viele Bücher greifen auf Anführungszeichen zurück, um sich von bestimmten Begriffen aus der Kolonialzeit zu distanzieren – zum Beispiel von "Häuptling" oder "Entdeckungsreisende". Woher diese Begriffe kommen und warum sie problematisch sind, wird jedoch nicht erklärt. Für die Schüler wäre das aber enorm wichtig, um die Kolonialgeschichte kritisch reflektieren zu können.

Deutschland ist nicht das einzige Land mit kolonialer Vergangenheit. Wie wird das Thema in anderen europäischen Ländern im Unterricht behandelt?

Ein Vergleich ist schwierig, da die Länder das Thema nicht allgemein aufgreifen, sondern jeweils anhand der eigenen kolonialen Vergangenheit. Ein interessantes Beispiel findet sich aber in Großbritannien: Zwar fehlt auch hier oft eine kritische Perspektive auf das Thema. Es gibt aber auch positive Entwicklungen. So wird dort gerade ein Schulbuch produziert, das die Migration nach Großbritannien von der römischen Antike bis zur Gegenwart behandelt. Das Innovative daran ist: Es wird deutlich, dass Migration integraler Bestandteil der britischen Geschichte war und es wirft ein anderes Licht auf Schlüsselereignisse wie den Kolonialismus, da andere Akteure und ihre Perspektiven sichtbar werden.

Was müsste in Deutschland getan werden, um die Geschichte der Kolonien im Unterricht differenzierter zu behandeln?

Schulbücher spielen hier sicher eine wichtige Rolle, sind jedoch nicht das einzige Mittel. Um das Thema anders aufzubereiten, muss gleichzeitig an verschiedenen Punkten angesetzt werden. Neben Schulbüchern sind auch die Lehrpläne und Fortbildungen für Lehrer ausschlaggebend. Zudem wäre es spannend, Unterrichtseinheiten mit anderen Akteuren zusammen zu entwickeln. An dem Schulbuch in Großbritannien sind zum Beispiel neben Lehrern und Prüfungsinstitutionen auch rassismuskritische Gruppen und Interessenvertretungen von Minderheiten beteiligt. Solche Kooperationen wären auch in Deutschland denkbar: Lehrer könnten zusammen mit Flüchtlingen eine Unterrichtseinheit zum Thema Migration gestalten oder mit Akteuren aus Namibia ein Kapitel zur gemeinsamen Kolonialgeschichte. Das könnte sich positiv auf den Unterricht und damit auch auf die gesellschaftliche Debatte in Deutschland auswirken.

Interview: Charlotte Bechert