Bildung 15.11.2017

Was tun gegen Antisemitismus an der Schule?

Im Frühjahr dieses Jahres wurde der Fall eines jüdischen Schülers öffentlich, der an seiner Berliner Schule über Monate hinweg antisemitisch beleidigt wurde. Aus verbalen Attacken wurde körperliche Gewalt. Die Eltern des Jungen entschlossen sich, ihren Sohn von der Schule zu nehmen. Der Fall löste eine Diskussion über Antisemitismus an Schulen aus. Wie verbreitet ist Judenfeindlichkeit in Klassenzimmern? Und wie können Pädagogen entgegenwirken?



Was können Pädagogen tun, wenn es zu antisemitischen Vorfällen kommt? Foto: picture alliance / Arco Images GmbH (Symbolbild)

Was an der Schule in Berlin-Friedenau geschah, ist kein Einzelfall: Medienberichten zufolge nimmt das jüdische Moses Mendelssohn Gymnasium in Berlin jährlich mehrere Schüler auf, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit an anderen Schulen angefeindet wurden.

Bislang gibt es nur wenig Forschung zu der Frage, wie oft jüdische Schüler in Deutschland Antisemitismus an der Schule erleben. Im Rahmen einer qualitativen Befragung für den "Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus" hat die Soziologin Julia Bernstein untersucht, wie Juden Antisemitismus in Deutschland erleben. Ohne gezielt danach gefragt zu haben, wurde in ihrer Untersuchung deutlich: Besonders häufig erleben Juden Antisemitismus an der Schule. Hier komme Judenfeindlichkeit in einer sehr direkten und aggressiven Art zum Vorschein, so die Studie.

Bernstein beobachtete drei Erscheinungsformen des Antisemitismus an der Schule:

  • Provokationen mit Bezügen zur NS-Zeit
  • Stark ausgeprägte anti-israelische Haltungen, die Schüler, aber auch Lehrer äußern.
  • Verwendung des Wortes "Jude" als Beschimpfung. Sie richte sich sowohl gegen jüdische als auch nicht-jüdische Schüler. Die Beleidigung werde als Synonym für "unzuverlässige, geizige oder schwache Menschen" verwendet.

Wie können Lehrer mit Antisemitismus umgehen?

Experten sind sich darin einig: Kommt es zu antisemitischen Beleidigungen in der Schule, dürfen Lehrer nicht weghören, sondern müssen sofort einschreiten. "Beleidigungen haben in der Schule keinen Platz – unabhängig davon, ob dahinter Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus oder Homophobie steckt", betont Dervis Hizarci von der "Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA)". Es sei entscheidend, antisemitische Aussagen zu hinterfragen: War einem Schüler bewusst, was er gesagt hat? Schule habe einen Bildungs- aber auch einen Erziehungsauftrag, erklärt Hizarci. "Es geht also nicht nur darum, Schülern Wissen über Antisemitismus zu vermitteln, sondern klarzumachen: Unsere Äußerungen und Taten wirken auf andere".

Judith Rahner von der "Amadeu Antonio Stiftung" (AAS) betont, Antisemitismus dürfe in der Schule nicht nur im Geschichtsunterricht behandelt werden und könne auch losgelöst von einem konkreten Fall thematisiert werden. "Morgen- oder Vertrauensrunden in der Klasse können hierfür einen Rahmen bieten," erklärt sie. "Hier kann ein Lehrer auch andere Leute mit ins Boot holen. Es gibt sehr gute außerschulische Projekte und Vereine, die sich lange im Themenfeld engagieren und hilfreiche Ansprechpartner für Schulen sind", so Rahner. "Wir haben auch gute Erfahrungen damit gemacht, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, vielfältiges jüdisches Leben in Deutschland kennenzulernen und ihnen persönliche Begegnungen zu ermöglichen". Komme es dann später zu antisemitischen Vorfällen in der Klasse, könne ein Lehrer bei Schülern diese gemeinsamen Erfahrungen in Erinnerung rufen. Wenn sich Lehrer im Umgang mit Antisemitismus unsicher fühlen, sei es ratsam, mit den Kollegen darüber zu sprechen und sich externe Unterstützung zu holen.

"Aus der Bildungsarbeit wissen wir: Wenn sich Schüler antisemitisch äußern, helfen andere Meinungen aus der Schüler-Gruppe", sagt Deborah Krieg von der "Bildungsstätte Anne Frank". Das bedeute, dass sich Lehrer nicht allein auf Schüler mit extremer Haltung konzentrieren sollten. Vielmehr gehe es darum, den Widerspruch und die Argumente, die in einer Klasse vorhanden sind, zu aktivieren und darauf zu setzen, dass sich die Schüler untereinander korrigieren. Für Schüler, die sich antisemitisch äußern, sei wichtig zu verstehen: "Hier gibt es eine klare Grenze, aber als Mensch werde ich nicht abgelehnt".

Eine Befragung des "American Jewish Commitee" (AJC) beschäftigte sich speziell mit "Salafismus und Antisemitismus an Berliner Schulen". Lehrer berichteten dort, dass sie im Unterricht Themen wie den Nahostkonflikt mieden. Sie fürchteten, bei Schülern mit muslimischemRepräsentative Studien, die einen spezifischen Anitsemitismus unter deutsch-muslimischen Jugendlichen belegen, gibt es bisher nicht. Siehe Meron Mendel (Hrsg.): Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft, S. 65. Hintergrund damit emotionsgeladene antisemitische Aussagen hervorzurufen, mit denen sie nicht umgehen können.

Unabhängig von der Herkunft und Religion der Schüler gilt laut Dervis Hizarci von der KIgA: Äußere sich ein Jugendlicher antisemitisch, komme es darauf an, nicht vorab zu verurteilen oder zu diskreditieren sondern zu fragen: "Warum hast du das gesagt?". Es gehe darum, den Jugendlichen mit seinen Lebenserfahrungen ernst zu nehmen und herauszufinden, was hinter der Aussage steckt. "So werden emotionale und herausfordernde Themen wie der Nahostkonflikt nicht ausgeklammert und im Unterricht behandelbar", sagt Hizarci. Knackpunkt beim Behandeln des Nahostkonfliktes sei neben dem Umgang mit der Emotionalität insbesondere das Vermitteln der Komplexität und der unterschiedlichen Perspektiven.

Hizarci warnt zugleich davor, zu generalisieren und davon auszugehen, dass muslimisch sozialisierte Schüler besonders antisemitisch seien. Eine solche Perspektive lenke davon ab, dass sich Antisemitismus unabhängig von Herkunft, Religion, Alter oder Geschlecht äußere. "Genauso wichtig für die Bearbeitung von Antisemitismus ist, dass sich auch Lehrer bewusst machen, ob und wenn ja, welche Emotionen, Stereotype und Ressentiments sie selbst mitbringen," so Hizarci.

Betroffene schützen

"Sei nicht so empfindlich" oder "Stell dich nicht so an": Vertrauen sich jüdische Schüler ihrem Lehrer an und erzählen von antisemitischen Erlebnissen mit Mitschülern oder Lehrern, sei es besonders schlimm, wenn sie so etwas zu hören bekommen, so Deborah Krieg von der "Bildungsstätte Anne Frank". "Wir erfahren immer wieder, dass von Betroffenen Empathie und Fürsorge seitens der Lehrkräfte vermisst werden". Es sei entscheidend, dass Lehrer ihre Schüler ernst nähmen und Vorfälle nicht herunterspielten. "Es liegt in der Verantwortung des Lehrers, dass sein Klassenraum auch für jüdische Schüler ein sicherer Ort ist," so Krieg. Das heiße auch: Wisse ein Lehrer, dass in seiner Klasse ein jüdischer Schüler sitzt, dürfe er ihn nicht gegen seinen Willen outen.

"Das Recht der Betroffenen auf Anerkennung ihrer Perspektiven und auf Schutz vor Diskriminierung darf nicht verletzt werden", sagt Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)."Die Erfahrung mit antisemitischen Anfeindungen oder Gewalt hinterlässt Spuren und wird durch eine antisemitismus-unkritische oder verharmlosende Bearbeitung zusätzlich verstärkt", so Chernivsky. Es sei daher wichtig, dass Lehrer dabei unterstützt werden, Antisemitismus als Motiv zu erkennen und kompetent dagegen vorzugehen. Kommt es zu antisemitischen Vorfällen, müsse sich die Schule klar gegen Antisemitismus positionieren und hinter betroffene Jugendliche sowie ihre Familien stellen. Im Bearbeitungsprozess eines Falles sollte die Schule daher auch den Eltern eine aktive Rolle geben.

Aktuelle Materialien und Methoden zu antisemitismuskritischen Bildungsarbeit bieten die "KIgA", "Bildungsstätte Anne Frank", "Amadeu Antonio Stiftung" und das "Kompetenzzentrum der ZWST".

Von Lea Hoffmann und Robert Zenker