Staatsangehörigkeit und Einbürgerung

Das deutsche Verständnis von Staatsangehörigkeit geht zurück auf das Kaiserreich und wurde noch bis 1999 durch das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 geregelt. Demnach war Deutscher, wer deutsche Eltern hatte. Das Abstammungsprinzip (Blutrecht) wurde im Jahr 2000 durch das sogenannte Geburtsortprinzip (Bodenrecht) ergänzt. Deutscher ist seither auch, wer in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen geboren ist. Wissenschaftler betonen in diesem Zusammenhang immer wieder, dass in einer demokratischen Gesellschaft Wohnbevölkerung und Wahlvolk möglichst deckungsgleich sein sollten. Auch weisen Studienz.B. Forschungsbericht zum Einbürgerungsverhalten von Ausländern und Erkenntnisse zu Optionspflichtigen, BAMF, 2012 darauf hin, dass Einge­bürgerte durch bessere Teilhabechancen besser integriert sind als Nicht-Eingebür­gerte.

Das Staatsangehörigkeitsrecht

Rechtsgrundlagen für Einbürgerung sind unter anderem

Auch das Grundgesetz (Art. 116 Abs. 2) enthält eine Regelung für die Einbürgerung von ehemals deutschen Staatsangehörigen, denen zwischen 1933 und 1945 die Staatsangehörigkeit entzogen worden war.QuelleDie jeweiligen Gesetzestexte sind zu finden auf den Seiten des Bundesinnenministeriums,
Fachpublikation des Statistischen Bundesamts, 2012

Wesentliche Änderungen nach der Reform im Jahr 2000

  • Das neue Recht erleichterte die Einbürgerung, unter anderem durch eine Verkürzung der vorausgesetzten Aufenthaltsdauer in Deutschland von 15 auf acht Jahre.
  • Mit der Einführung des Geburtsortprinzips (ius soli) bestimmte nicht länger die Nationalität der Eltern eines Kindes seine Staatsangehörigkeit, sondern auch der Geburtsort. Seither erhalten in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn ein Elternteil länger als acht Jahre rechtmäßig hier lebt.
  • Erwerben deutsche Staatsbürger ohne Genehmigung eine zusätzliche ausländische Staatsbürgerschaft, kann dies zum Verlust des deutschen Passes führen.

Mit einer weiteren Rechtsänderung ab dem Jahr 2005 wurden strengere Anforderungen eingeführt. Seither sind

  • Deutschkenntnisse auf dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens nachzuweisen und ist
  • ein Einbürgerungstest zu bestehen.

Wie viele Einbürgerungen gibt es in Deutschland?

2016 wurden rund 110.400 Ausländer zu Neudeutschen. Das sind 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit Einführung des neuen Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 wurden mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland eingebürgert (Stand Ende 2016).QuelleStatistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 13.6.2017 und Fachserie zu Einbürgerungen 2016, S. 16

Ihren Rekord erreichten die Einbürgerungen im Jahr 2000, als die Voraussetzungen deutlich erleichtert wurden (siehe Grafik). Die Zahl stieg bereits in den 90er Jahren an, da Ausländer im Rahmen einer Reformdurch das "Gesetz zur Änderung asylverfahrens-, ausländer- und staatsangehörigkeitsrechtlicher Vorschriften" vom 30. Juni 1993, das hier erklärt wird. erstmals unter bestimmten Kriterien einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung erhielten.

Das häufigste Herkunftsland bei Einbürgerungen ist noch immer die Türkei. Zwischen 2000 und 2016 wurden mehr als 642.000 Türken eingebürgert, das entspricht rund 31 Prozent aller Einbürgerungen in diesem Zeitraum. Allerdings geht die Zahl vor allem in dieser Gruppe seit 2000 stark zurück, wie eine Grafik des MEDIENDIENSTES zeigt (in 2016 um etwa 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr).QuelleStatistisches Bundesamt: Fachserie zu Einbürgerungen 2016, S. 19 ff., sowie ältere Ausgaben, eigene Berechnung

Wie hoch ist das Einbürgerungspotenzial?

Laut Ausländerzentralregister lebten im Jahr 2015 rund 5,2 Millionen Ausländer seit mindestens acht Jahren in Deutschland. Damit erfüllten fast 57 Prozent der hier lebenden Ausländer eine wesentliche Voraussetzung, sich einbürgern zu lassen.QuelleEigene Berechnung: Statistisches Bundesamt, Fachserie zur Ausländischen Bevölkerung 2015, S. 91f.

Neben der Aufenthaltsdauer gibt es jedoch weitere Kriterien wie Sprachkenntnisse, Lebensunterhalt oder Vorstrafen. Um das "ausgeschöpfte Einbürgerungspotenzial" zu errechnen, bei dem alle Anforderungen für eine Einbürgerung erfüllt sind, zählt das Statistische Bundesamt nur Ausländer, die seit mindestens zehn Jahren in Deutschland leben. Das sind rund 4,9 Millionen. Von ihnen haben sich 2015 lediglich 2,2 Prozent für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden.QuelleStatistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 11.07.2016 und eigene Berechnung der Zahl der Ausländer, die seit mehr als zehn Jahren in Deutschland leben: Statistisches Bundesamt, Fachserie zur Ausländischen Bevölkerung 2015, S. 91f.

Das Europäische Statistikamt erklärte Mitte 2015 in einer Pressemitteilung, dass die Bundesrepublik bei Einbürgerungen deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegt: Pro 100 ansässiger Ausländer gab es 2014 in der EU 2,6 Einbürgerungen, in Deutschland nur 1,6.

Was ist der Einbürgerungstest?

Im September 2008 wurde in Deutschland ein einheitlicher Einbürgerungstest eingeführt. Seitdem müssen Neudeutsche 33 Fragen zu Gesellschaft und Politik beantworten – davon mindestens 17 richtig. Die Teilnahme kostet 25 Euro und kann in den Prüfstellen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beantragt werden. Nach Angaben des BAMF haben 2015 mehr als 98 Prozent der Teilnehmenden den Test bestanden.
(Anlässlich fünf Jahren Einbürgerungstest haben wir 2013 einen Artikel verfasst.)

Wie entsteht doppelte Staatsbürgerschaft?

Obwohl Mehrstaatigkeit nach offizieller Erklärungsiehe Bundestags-Drucksache 18/4715, Seite 2 vermieden werden soll, gibt es viele Menschen in Deutschland, die zwei oder mehrere Pässe haben. Das hat unterschiedliche Gründe:

  1. Kinder, die einen deutschen und ein ausländischen Elternteil haben, erwerben in der Regel per Geburtsrecht beide Staatsangehörigkeiten – und können diese auch behalten.
  2. Auch Kinder ausländischer Eltern erhalten seit 2000 unter bestimmten Voraussetzungen mit der Geburt zusätzlich den deutschen Pass. Für einige von ihnen gilt jedoch die Optionspflicht – das heißt: Sie müssen sich ab dem 18. Geburtstag für eine der beiden Staatsbürgerschaften entscheiden.
  3. Einbürgerungen: Zwar soll bei Einbürgerungen das Entstehen von Mehrstaatigkeit vermieden werden. In der Praxis gibt es aber viele Ausnahmensiehe § 12 Staatsangehörigkeitsgesetz und Website der Bundesregierung. So akzeptieren deutsche Behörden eine Einbürgerung "unter Hinnahme der Mehrstaatigkeit" etwa, wenn

    • eine Entlassung aus der Staatsangehörigkeit nach dem Recht des bisherigen Staates nicht möglich ist oder der bisherige Staat die Entlassung regelmäßig verweigert. Das trifft etwa auf Afghanistan, Algerien, Eritrea, Kuba, Libanon, Marokko, Syrien oder Tunesien zu.
    • der Person bei Aufgabe der ausländischen Staatsangehörigkeit erhebliche wirtschaftliche Nachteile entstehen würden
    • die Person Bürger der Europäischen Union oder der Schweiz ist
    • die Person ein anerkannter Flüchtling nach der "Genfer Flüchtlingskonvention" ist.

    Quelle§ 12 Staatsangehörigkeitsgesetz; siehe auch Website der Bundesregierung

Wie viele Doppelstaater leben in Deutschland?

Mit dem Zensus 2011 wurde erstmals die Zahl der Deutschen mit (mindestens) einem weiteren Pass registriert. Demnach hatten laut Melderegistereintrag knapp 4,3 Millionen Personen neben der deutschen (mindestens) eine weitere Staatsangehörigkeit,

  • davon 690.000 die polnische,
  • 570.000 die russische und
  • 530.000 die türkische.

Laut Mikrozensus 2015 gab es hingegen nur knapp 1,8 Millionen Doppelstaater in Deutschland. Diese Zahl dürfte zu niedrig sein. Denn: Der Mikrozensus beruht auf Selbstauskünften der Befragten. Viele wissen nicht, dass sie eine zweite Staatsangehörigkeit besitzen, möchten es möglicherweise nicht zugeben oder sehen die zweite Staatsangehörigkeit nicht als Teil ihrer Identität an.QuelleMikrozensus 2015, S. 164

Aber auch die Zahl von 4,3 Millionen Doppelstaatern ist nicht genau. Denn die Behörden des zweiten Landes informieren nicht immer Deutschland darüber, dass eine Person ausgebürgert wurde. Die tatsächliche Zahl der Doppelstaater dürfte zwischen 1,6 und 4,3 Millionen liegen.

Für einige Gruppen finden sich ungefähre Werte:

  • Vom Jahr 2000 bis Ende 2015 wurden rund zwei Millionen Menschen eingebürgert, davon rund 960.000 als Doppelstaater.
  • Hinzu kommen rund 570.000 Kinder, die nach dem Geburtsortsprinzip (ius soli) neben der ihrer Eltern auch die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben (Stand Ende 2014).QuelleBAMF: Statistik zu "Optionskindern" 2000-2011 und Migrationsbericht 2014, S. 163 f.
  • sowie rund 1,3 Millionen Kinder mit einem deutschen und einem ausländischen Elternteil (Stand Ende 2014).QuelleMigrationsbericht 2014, S. 163 sowie Drucksache 18/1928, Seite 3

In der Statistik werden sie zur deutschen Bevölkerung gezählt.

Wie erfolgreich sind Anträge auf Mehrstaatigkeit?

Ob Menschen, die sich einbürgern lassen, ihre "alte" Staatsbürgerschaft behalten dürfen, ist je nach Herkunftsland sehr unterschiedlichsiehe Statistisches Bundesamt (2017): Fachserie zu Einbürgerungen 2016, S. 125 ff.:

  • Bei Iranern, Syrern, Afghanen, Algeriern, Marokkanern oder Tunesiern wird in nahezu 100 Prozent der Fälle darauf verzichtet, dass die Einbürgerungswilligen ihre bisherige Staatsbürgerschaft aufgeben, weil das nicht möglich oder zumutbar wäre.
  • Auffällig hoch ist die "Hinnahme von Mehrstaatigkeit" auch bei Antragstellern aus einigen nord- und südamerikanischen Staaten wie den USA (2016: rund 89 Prozent), Brasilien und Argentinien (jeweils 100 Prozent).
  • Die Türkei liegt mit rund 17 Prozent Einbürgerungen unter Beibehaltung der alten Staatsbürgerschaft im unteren Mittelfeld.
  • Am seltensten wird Mehrstaatigkeit bei der Einbürgerung von Menschen aus einigen afrikanischen Ländern akzeptiert, wie Kamerun (2016: rund 5 Prozent), Mali (rund 5 Prozent) und Kenia (rund 6 Prozent). Niedrige Quoten von unter zehn Prozent finden sich aber auch für einige asiatische Länder wie China, Indien und Kasachstan.QuelleStatistisches Bundesamt (2016): Fachserie zu Einbürgerungen 2016, S. 125 ff.

Was ist die Optionspflicht?

Mit der Reform von 2000 wurde für Nachkommen von Drittstaatern die Optionspflicht eingeführtDurch eine Übergangsregelung konnten Kinder im maximalen Alter von zehn Jahren "Optionsdeutsche" werden, wenn ihre Eltern dies beantragten. Die ersten Kinder, die von der Übergangsregelung profitierten, vollendeten 2008 ihr 18. Lebensjahr und verloren 2014 die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn sie sich noch nicht entschieden hatten.: Seither erhalten Kinder von zwei ausländischen Eltern mit der Geburt die deutsche und ausländische Staatsangehörigkeit, müssen sich allerdings ab dem 18. Geburtstag entscheiden, welche sie dauerhaft behalten wollen. Haben sie bis zu ihrem 23. Geburtstag nicht reagiert, verlieren sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft automatisch. 2014 wurde das geändert:

Mit dem Gesetz zur Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes entfällt diese Regelung für Kinder, die "in Deutschland geboren und aufgewachsen" sind. Dazu zählen Nachkommen von Einwanderern, die

  • acht Jahre in Deutschland gelebt haben,
  • sechs Jahre in Deutschland zur Schule gegangen sind
  • oder einen Schul- oder Berufsabschluss in Deutschland erworben haben.

Wie viele Optionspflichtige leben in Deutschland?

Bis einschließlich 2014 fielen rund 570.000 Personen unter die Optionspflicht. Im Jahr 2015 wurden weitere 30.000 Kinder von ausländischen Eltern in Deutschland geboren.QuelleBundesamt für Migration und Flüchtlinge, Migrationsbericht 2015, Seite 237f.

Doch seit einer Reform vom November 2014 ist nur ein Bruchteil von ihnen optionspflichtig. Laut Bundesinnenminister Thomas de Maiziere entfällt die Optionspflicht für über 90 Prozent der Betroffenen, ohne dass sie in Kontakt mit Behörden treten müssen.

Wie viele Optionspflichtige möglicherweise nicht "in Deutschland aufgewachsen" sind, bleibt unklar. Dem BMI liegen beispielsweise keine Angaben über im Ausland gemeldete Optionskinder vor, wie es auf Nachfrage erklärt. Und wer weiterhin unter der Optionspflicht unterliegt, muss sich für einen Pass entscheiden oder einen Antrag auf "Beibehaltungsgenehmigung" stellen.