Kriminalität in der Einwanderungsgesellschaft

Kriminalität und Herkunft werden in politischen Debatten häufig in Zusammenhang gebracht: Das Stereotyp vom kriminellen Migranten als "jung, männlich, delinquent" ist weit verbreitet. In jüngster Zeit laufen Debatten jedoch auch um die sogenannte Ausländerkriminalität, die durch Flüchtlinge gestiegen sei. In den meisten Fällen entsprechen die Vorurteile nicht dem Stand der Daten und Forschung.

Was ist "Ausländerkriminalität"?

Der Begriff der "Ausländerkriminalität" ist mehrdeutig und es ist wichtig, zu wissen, wer damit gemeint ist:

  • In den Medien wird der Begriff oft für alle Straftaten verwendet, die von Einwanderern begangen wurden – wobei meist unklar ist, ob damit nur Ausländer oder auch Deutsche mit Migrationshintergrund gemeint sind.
  • Polizei und Sicherheitsbehörden sprechen in den letzten Monaten auch von "Ausländerkriminalität" bei Straftaten von Neuzuwanderern, die erst seit Kurzem in Deutschland leben, wie zum Beispiel Flüchtlinge.
  • Der Verfassungsschutz erfasst damit "Politisch Motivierte Kriminalität" (PMK) mit Auslandsbezug, so zum Beispiel Anschläge von Terrorgruppen mit ausländischen Wurzeln, egal ob sie von Ausländern oder Deutschen verübt wurden.

Für Außenstehende erschließt sich oft nicht, auf welche Gruppe sich die genannte Statistik bezieht. Denn zur "Ausländerkriminalität" zählen mitunter auch Straftaten, die von Urlaubern, Geschäftsreisenden oder Tatverdächtigen der international "Organisierten Kriminalität" begangen werden.

Wie häufig werden Menschen mit Migrationshintergrund straffällig?

Das lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, denn die Kriminalitätsstatistiken unterscheiden nur zwischen deutschen Staatsangehörigen und Ausländern – Menschen mit Migrationshintergrund werden nicht separat erfasst.

2016 lag der Anteil der "Nichtdeutschen" Auch Ausländer, die nur nach Deutschland einreisen um eine Straftat zu begehen, werden hier mitgezählt an allen Tatverdächtigen bei 30,5 Prozent (ohne ausländerrechtliche VerstößeAusländerrechtliche Verstöße sind Vergehen, die nur "Nichtdeutsche" begehen können, wie z.B. unerlaubte Einreise oder illegaler Aufenthalt). In absoluten Zahlen: Im vergangenen Jahr wurden rund 616.000 Tatverdächtige ohne deutsche Staatsangehörigkeit gezählt, das waren rund 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Das heißt aber nicht, dass Ausländer inzwischen stärker zu Kriminalität neigen. Denn innerhalb des letzten Jahres ist auch der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung um rund 10 Prozent gestiegen.Quelle Bundesministerium des Innern: "Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016" (PKS), S. 16 und S. 45; Zahlen für 2015: Statistisches Bundesamt, Datenbank zur ausländischen Bevölkerung in Deutschland; Zahlen für 2016: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf Anfrage des MEDIENDIENSTES, eigene Berechnung

Die Erfassung von "Ausländerkriminalität" ist im Allgemeinen mit Vorsicht zu genießen, denn sie führt zu Verzerrungen:

  • Die Zahl der Tatverdächtigen besagt nicht, wie viele von ihnen tatsächlich verurteilt wurden.
  • Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zählt zu ausländischen Tatverdächtigen auch Personen, die sich nur vorübergehend in Deutschland aufhalten – zum Beispiel Menschen, die nur eingereist sind, um Straftaten zu begehen (grenzüberschreitende Kriminalität).
  • Die besondere soziale Lage und der Altersdurchschnitt der Bevölkerungsgruppe "Ausländer" werden statistisch nicht berücksichtigt. Junge Männer werden häufiger straffällig als andere Bevölkerungsgruppen, auch schwierige Lebensbedingungen, wie ein erschwerter Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt, erhöhen das statistische Risiko, Straftaten zu begehen.

"Einen übergreifenden, einfachen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität gibt es nicht", sagt etwa der Kriminologe Christian Walburg 2016 in einer Expertise zum Thema für den MEDIENDIENST.

"Politisch motivierte Ausländerkriminalität"
Das Bundesinnenministerium erfasst außerdem Fallzahlen zum Bereich "Politisch Motivierte Ausländerkriminalität". Damit sind Straftaten gemeint, denen "eine im Ausland begründete Ideologie zugrunde liegt". Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass die Tatverdächtigen Ausländer sind – auch Deutsche können "Ausländerkriminalität" begehen. Dem Bericht "Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2016" zufolge ist die Zahl dieser Straftaten von 2.025 im Jahr 2015 auf 3.372 im Jahr 2016 gestiegen. Auch die Zahl der Gewalttaten im Bereich "Politisch Motivierte Ausländerkriminalität" sei von 345 auf 597 gestiegen. Wie viele davon von nichtdeutschen Tatverdächtigen begangen wurden, wird nicht aufgeschlüsselt.Quelle Bundesministerium des Innern: "Politisch Motivierte Kriminalität im Jahr 2016" (PMK), Seite 2 f.

Was wissen wir über Kriminalität von Asylbewerbern?

In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst das Bundeskriminalamt (BKA) die Zahl der tatverdächtigen "Zuwanderer". Als "Zuwanderer" bezeichnet das BKA Asylbewerber, Geduldete, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Menschen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten. Anerkannte Flüchtlinge zählen in der Statistik für 2016 – im Unterschied zu den bisherigen Erhebungen – nicht mehr zur Kategorie der "Zuwanderer".

Das wird kritisiertZum Beispiel in der "Welt": "Die sprachliche Sorglosigkeit des BKA ist ein Skandal", denn: Der Begriff ist gleich geblieben und suggeriert, es seien alle Zuwanderer gemeint. Ebenfalls problematisch ist: Zur Kategorie "Zuwanderer" zählt das BKA auch Menschen, die möglicherweise gezielt einreisen, um eine Straftat zu begehen.

Die Zahlen

2016 lag die Zahl der tatverdächtigen "Zuwanderer" nach dieser Definition bei etwa 174.000 Menschen – das sind 52,7 Prozent mehr als im Vorjahr (ohne aufenthaltsrechtliche Straftaten wie etwa "illegale" Einwanderung). Das heißt jedoch nicht, dass die "Zuwanderer" krimineller geworden sind. Denn: Dem Bundesinnenministerium zufolge geht dieser Anstieg mit den gestiegenen Asylbewerberzahlen einher.Quelle Bundesministerium des Innern: "Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2016" (PKS), S. 73, S. 16

Die Straftaten

Straftaten, bei denen "Zuwanderer" häufig verdächtigt wurden, sind dabei Körperverletzungen, Diebstahl (vor allem Ladendiebstahl) und Fahren ohne Ticket. Bei einigen Straftaten ist der Anteil der verdächtigen "Zuwanderer" auffällig hoch: Von den Personen, die 2016 eines Ladendiebstahls bezichtigt wurden, waren mehr als ein Drittel "Zuwanderer" (35,1 Prozent). Bei Urkundenfälschungen waren es mehr als ein Fünftel (21,5 Prozent), bei Fahren ohne Ticket fast 20 Prozent. Die Statistik ist aber stark von sogenannten Intensivtätern beeinflusst: Etwa jeder dritte tatverdächtige "Zuwanderer" wurde mehrmals erfasst.QuelleBundesministerium des Innern: "Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2016" (PKS), S. 75 und 77; eigene Berechnung

Wer sind die Tatverdächtigen?

Bei jungen Männern ist das Risiko, straffällig zu werden, besonders hoch – das gilt auch für deutsche Staatsbürger. Mehr als ein Viertel hierzu die Statistik des BAMF: "Das Bundesamt in Zahlen 2016: Asyl", S. 20 der 2016 registrierten Asylbewerber sind Männer im Alter von 18-25 Jahren (27,2 Prozent), bei den Deutschen macht diese Altersgruppe nur rund 8 Prozent der GesamtbevölkerungLaut Zensus 2011 (eigene Berechnung) aus. Das spiegelt sich auch in der Kriminalstatistik wider: Fast ein Drittel aller tatverdächtigen "Zuwanderer" sind Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren (rund 31 Prozent).Quelle Bundesministerium des Innern: "Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2016" (PKS), S. 74; eigene Berechnung

Ein Vergleich unterschiedlicher Herkunftsgruppen zeigt: Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan sind bei den Tatverdächtigen deutlich unterrepräsentiert. Leicht überrepräsentiert sind hingegen Geflüchtete vom Balkan. Bei Schutzsuchenden aus den Maghrebstaaten (Marokko, Tunesien, Algerien) ist der Anteil von Tatverdächtigen vergleichsweise hoch.QuelleBundeskriminalamt: "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung – Bundeslagebild 2016", S. 15

Mit Blick auf die Zahlen für 2015 schrieb der Kriminologe Christian Walburg im Juli 2016 in einem GutachtenChristian Walburg, Migration und Kriminalität – aktuelle kriminalstatistische Befunde, 2016, Seite 23 für den MEDIENDIENST: "Menschen aus Kriegs- und Krisenländern mit günstiger Bleibeperspektive und besseren Zugangschancen zur Gesellschaft fallen – gemessen an allen Neuzuwanderern – deutlich unterdurchschnittlich mit Straftaten auf. [...] Eine überdurchschnittliche Beteiligung lässt sich hingegen bei Menschen mit geringer Aussicht auf einen dauerhaften regulären Aufenthalt in Deutschland beobachten."

Wie häufig werden Asylbewerber zum Opfer von Straftaten?

2016 erfasste das Bundeskriminalamt erstmals, wie oft Asylbewerber und Flüchtlinge Opfer von Straftaten werden. Demnach waren 41.000 Asylbewerber/Flüchtlinge von einer Straftat betroffen. Sie stellten damit mehr als 4 Prozent aller Opfer.Quelle Bundesministerium des Innern: "Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2016" (PKS), S. 78

Aus der Statistik geht auch hervor: Bei Straftaten gegen Flüchtlinge oder Asylbewerber wurden in 80 Prozent der Fälle "Zuwanderer"Dazu zählen laut Bundeskriminalamt Asylbewerber, Geduldete, Kontingent- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie Menschen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten. verdächtigt. Laut Bundesinnenministerium könnte das unter anderem auf die schwierige Unterbringungssituation in Notunterkünften zurückzuführen sein. Laut einer Studie des "Fachberatungsdiensts Zuwanderung, Integration und Toleranz im Land Brandenburg" aus dem Jahr 2015 treten gewalttätige Auseinandersetzungen vor allem in größeren Unterkünften mit hoher Belegungsdichte auf. Zum Vergleich: Bei Straftaten gegen Deutsche wurden nur in knapp fünf Prozent der Fälle "Zuwanderer" verdächtigt.QuelleBundeskriminalamt: "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2016", S. 57

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft?

Für einen kausalen Zusammenhang von Migrationshintergrund und delinquentem Verhalten gibt es keine wissenschaftlichen Belege, erklärt Rechtswissenschaftler Christian Walburg in einem Gutachten für den MEDIENDIENST. Auch zeigen Studien keine grundsätzlichen Unterschiede im kriminellen Verhalten zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund auf.

Jugendliche aus Einwandererfamilien berichten in einigen Befragungsstudien allerdings häufiger von Gewaltdelikten und finden sich vermehrt unter Mehrfachgewalttätern wieder, wie etwa eine BefragungDer Anteil von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, die ein Gewaltdelikt verüben, liegt bei rund 12 Prozent. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund aus der Türkei, Südamerika und Italien liegt er dagegen bei 20 Prozent, bei denjenigen aus dem ehemaligen Jugoslawien/Albanien bei 22 Prozent, usw. Zur Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zeigt. Da dies jedoch auf alle größeren Herkunftsgruppen zutrifft, dient das nicht als Beleg für den Zusammenhang mit einer bestimmten ethnischen Herkunft oder Religionszugehörigkeit.

Die erhöhten Gewalttaten scheinen eher mit Lebenslagen zusammenzuhängen, die oft mit Migration verbunden sind. So verschwinden beispielsweise die Unterschiede bei der Gewalttätigkeit zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund nahezu, wenn sie die gleichen Bildungschancen haben.QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014, S. 18

Dabei spielt auch das jeweilige Umfeld eine wichtige Rolle. Dies zeigt unter anderem die Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt", die seit 2002 in Duisburg durchgeführt wird. Hier liegt der Anteil an türkischstämmigen Schülern allein bei rund 20 Prozent. Bei der regelmäßigen Befragung von Jugendlichen im selben Sozialraum zeigte sich: Im gesamten Jugend- und Heranwachsendenalter ließen sich kaum Unterschiede bei den "Gewalttäteranteilen" unter männlichen Befragten türkischer und deutscher Herkunft feststellen (s. Abbildung).

Welche Ergebnisse liefern Befragungen bei Jugendlichen?

Befragungsstudien ("Dunkelfeld"-Untersuchungen) haben gegenüber offiziellen Kriminalstatistiken den Vorteil, dass sogenannte Kriminalisierungsrisikenwie zum Beispiel ein höheres Risiko, angezeigt zu werden keinen Einfluss haben. Zudem können hier Migrationsbezüge und andere individuelle und soziale Merkmale erfasst werden, die Aufschluss geben. Aus diesen Untersuchungen geht hervor:

  • Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede im Delinquenzverhalten zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.
  • Unterscheidet man nach Deliktbereichen, fällt auf: Migrantenjugendliche berichten in Befragungen insgesamt ähnlich häufig wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund von "Bagatelldelinquenz" wie Sachbeschädigungen oder Diebstahl.
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund berichten nach der Mehrzahl der Studienzum Beispiel "Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt", KFN-Forschungsbericht 2009, Dirk Baier / Christian Pfeiffer u.a. häufiger von Gewaltdelikten und tauchen öfter unter Mehrfachgewalttätern auf.
  • Ein Zusammenhang zwischen erhöhter Gewaltbereitschaft und einer bestimmten ethnischen Herkunft oder Religionszugehörigkeit wird durch StudienZum Beispiel Langzeitstudie "Kriminalität in der modernen Stadt" jedoch nicht belegt. Wenn die Befragungen höhere Anteile von Gewalttätern ergeben haben, traf dies meist auf alle größeren Herkunftsgruppen zu.
  • Eine stärkere Zustimmung zu Gewalt hat offenbar mit einer größeren sozialen Randständigkeit (Marginalisierung) zu tun. Bei gleichen Bildungschancen verschwinden die Unterschiede zwischen den Gruppen nahezu.
  • Speziell für die Nachkommen der sogenannten Gastarbeiter finden sich Hinweise darauf, dass Unterschiede zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund geringer werden oder verschwinden.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Kriminelles Handeln kann nicht herkunftsspezifisch erklärt werden. QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014

Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Gewaltbereitschaft

Ob junge Menschen zu Gewalt neigen oder nicht, hängt zunächst von ihrer grundsätzlichen Einstellung dazu ab, heißt es im Gutachten zu "Migration und Jugenddelinquenz". Für die mitunter erkennbare höhere Gewaltbereitschaft Jugendlicher mit Migrationshintergrund finden sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Debatte verschiedene Erklärungsansätze, die umstritten sind und sich zum Teil widersprechen:

Innerer Kulturkonflikt:
Die Anhänger dieser TheseSo zum Beispiel der Honorardozent für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Hakan Aslan in einer Rede beim Forum über Gewaltprävention in Berlin (2006) betrachten Gewalt und Delinquenz als Begleiterscheinung der Phase, in der Jugendliche ihren Platz in der deutschen Gesellschaft suchen. Dabei entstehen Spannungen und Identitätsprobleme, die zu negativen Selbstbildern führen können. Das Bild des "entwurzelten Migrantenkindes" ist in der Wissenschaft allerdings nicht hinreichend belegt. Einige Forscher weisen darauf hin, dass Multikulturalität für das Wohlbefinden von Jugendlichen auch von Vorteil sein kann.

Äußerer Kulturkonflikt:
In diesem Ansatz wird Gewaltbereitschaft als Folge einer fehlgeschlagenen Integration gesehen und mitunter ein fragwürdiger Gegensatz konstruiert: Zum einen die moderne, gewaltfreie deutsche Gesellschaft und zum anderen die "vormoderne" Herkunftskultur, in der Gewalt zum Alltag gehört. Nach diesem Muster ist Gewalt die Folge einer mangelnden kulturellen Anpassung an die vermeintlich gewaltfreie Aufnahmegesellschaft. Dieser Ansatz fand sich zum Beispiel häufig in der "Ehrenmorde"-Debatte wieder.

Marginalisierung:
Nach dieser TheseSiehe zum Beispiel Dietrich Oberwittler "Geschlecht, Ethnizität und sozialräumliche Benachteiligung" ist Gewalt in erster Linie das Ergebnis einer sozialen Benachteiligung von Migranten. Vor allem jungen Männern fehle es demnach an sozialer Anerkennung. Delinquentes Verhalten diene dann dazu, Stärke und Macht zu demonstrieren. QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014, S. 14-18

Zusammenhang zwischen Religiosität und Gewaltbereitschaft

In der Berichterstattungzum Beispiel die Berichterstattung über eine Studie des Forschungsinstituts Niedersachsen aus dem Jahr 2010 auf Spiegel Online, Zeit Online und Bild Online zu Jugendkriminalität und Gewalt kommt es immer wieder vor, dass ein Zusammenhang zwischen Islam und Gewalttätigkeit hergestellt wird. Doch Religiosität hat bei jungen Muslimen keinen Einfluss auf Delinquenz. Das belegt übrigens auch die oft zitierte Studie des Forschungsinstituts Niedersachsen "Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum".

Darüber hinaus zeigen manche Untersuchungenvgl. Christian Walburg: "Wenn Integration gelingt. Delinquenzmindernde Faktoren bei jungen Migranten", in Täter, Taten, Opfer Seite 53, dass ihr Glaube bei jungen Muslimen eher soziale Bindungen und Kontrolle fördert. Die Forscher richten ihren Blick dabei unter anderem auf das Freizeitverhalten: Weniger Alkoholkonsum und weniger Nachtleben verringern demnach "die Delinquenzrisiken" in manchen Migrantengruppen deutlich.QuelleGutachten von Christian Walburg zu Jugenddelinquenz und Migration, 2014, S. 16 f.

Was sind "Ehrenmorde" und wie viele gibt es?

Für die umstrittene Bezeichnung "Ehrenmord" gibt es bis heute keine allgemein gültige Definition, auf die sich die Richter beziehen können. Zwei Juristen vom "Max Planck Institut für ausländisches und internationales Strafrecht" haben jedoch 2011 eine Studie im Auftrag des Bundeskriminalamts verfasst und den Tatbestand folgendermaßen definiert:

"Ehrenmorde sind vorsätzlich begangene, versuchte oder vollendete Tötungsdelikte, die im Kontext patriarchalisch geprägter Familienverbände oder Gesellschaften vorrangig von Männern an Frauen verübt werden, um die aus Tätersicht verletzte Ehre der Familie oder des Mannes wiederherzustellen. Die Verletzung der Ehre erfolgt durch einen wahrgenommenen Verstoß einer Frau gegen auf die weibliche Sexualität bezogene Verhaltensnormen."QuelleJulia Kasselt, Dietrich Oberwittler: "Ehrenmorde in Deutschland 1996-2005", erschienen 2011, Seite 13 und ff.

Bundesweit debattiert wurden "Ehrenmorde" immer wieder, unter anderem 2005 mit dem Fall SürücüDie 23-jährige Hatun Sürücü wurde am 7. Februar 2005 in Berlin-Tempelhof von ihrem jüngeren Bruder ermordet. Anlass für den Mord soll die Missbilligung der Familie gegenüber dem Lebensstil der jungen Frau gewesen sein.. Wenn man jedoch von der oben genannten Definition ausgeht, ist ihre Zahl in Deutschland relativ gering: Die Juristen vom Max Planck Institut haben zwischen 1996 und 2005 rund 30 Fälle analysiert, bei denen diese Umstände gegeben waren. Bei etwa 100 weiteren Fällen handelt es sich um Grenzfälle zur sogenannten "Blutrache" oder "Partnertötung".QuelleJulia Kasselt, Dietrich Oberwittler "Ehrenmorde in Deutschland 1996-2005" 2011, Seite 7

Dass es eine Art "Kultur-Rabatt" vor Gericht gebe, ist ein Mythos, wie Julia Kasselt, Mitautorin der Studie, in einem MEDIENDIENST-Interview erklärt. Deutsche Gerichte sehen in der Verteidigung der Ehre einen "niedrigen BeweggrundBeweggründe zu einem Tötungsverbrechen sind "niedrig”, wenn sie nach allgemeiner sittlicher Wertung auf tiefster Stufe stehen und deutlich verwerflicher und verachtenswerter erscheinen als bei einem Totschlag, siehe Strafgesetzbuch § 211." – "Ehrenmorde" werden also in der Regel härter bestraft als vergleichbare Delikte.QuelleJulia Kasselt "The Judicial Interpretation of Honour Killings in Germany" 2014 – Pressemitteilung

Der "Ehrenmord" gilt als kulturelles Phänomen, das seinen Ursprung in archaischen, Stamm-basierten Gesellschaftsmodellen hat, in denen die Ehre als kollektives Gut von den Familienmitgliedern gemeinsam verteidigt werden muss. Ehrenmorde wurden von Ethnologen im vorderasiatischen sowie im Mittelmeer-Raum (Italien, Spanien, Griechenland, Albanien) erforscht.QuelleJulia Kasselt, Interview mit dem MEDIENDIENST INTEGRATION